Liebe Eltern des kleinen Jungen im blauen Jeanskleid,

ich kenne euch nicht und kann euch nicht einmal ein Gesicht zuordnen. Euren Sohn habe ich allerdings schon einige Mal in der Kita der kleinen Rakete gesehen. Er ist ein bisschen älter als unser Sohn und besucht deshalb eine andere Gruppe. Ich sehe ihn mittlerweile recht selten und musste beim Kita-Sommerfest demzufolge zweimal hinschauen, als sich das Kind vor uns umdrehte.

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Unkonventionelle Entscheidungen und eine Verneigung

Euer Sohn saß vor der kleinen Rakete auf der blauen Matte und hat sich das Programm des Sommerfests angesehen. Ich habe ihn allerdings erst erkannt, als er aufgestanden ist und sich zu mir umgedreht hat. Denn er hatte ein langes, blaues Jeanskleid mit Spaghettiträgern an. Und meine Güte, sah er glücklich aus! Ich hatte das Gefühl, dass er ganz bei sich war, sich wohlfühlte und das Kleid mit einem gewissen Stolz trug.

Natürlich weiß ich nicht, was ihn dazu bewogen hat ein Kleid zu tragen. War es das Kleid seiner Schwester und wollte er ihr nacheifern? Wollte er – ganz passend zum Thema der Veranstaltung – eine junge Indianer-Squaw sein? Oder hatte er einfach Lust ge-nau-so auszusehen? Ich weiß es nicht. Was ich allerdings weiß ist, dass ich mich vor euch – seinen Eltern – verneige. Indem er ihm seinen Willen gelassen habt, wart ihr ganz bei ihm und habt euch seinem Wunsch gefügt. Ihr habt seine unkonventionelle Entscheidung respektiert und ihn an einer Stelle unterstützt, an der sich andere Eltern hinter Konventionen, Ängsten und Konservatismus verstecken.

Ich habe die irritierten Blicke und Reaktionen manch anderer Eltern gesehen und hätte sie am liebsten alle ein bisschen Richtung Realität geschubst. Sicherlich gab es auch Getuschel und bestimmt hatten einige der Eltern ein neues Thema, um sich mal wieder richtig den Frust von der Seele zu lästern. Euch war das allerdings egal. Das habt ihr bewiesen, indem ihr dieses Kleid zugelassen habt. Im Grunde wäre es nämlich bestimmt nicht schwer gewesen das nicht zu tun.

Kinder und Schubladen

Unsere Kinder müssen schon im Mutterleib Konventionen und Vorgaben entsprechen. Schon in dieser Zeit werden Gewichtskurven betrachtet und die Entwicklung gewissenhaft überprüft. Sobald sie diese schützende Hülle verlassen haben, werden sie in regelmäßigen Abständen in Schablonen gepresst. Da sind die U-Untersuchungen, in denen sie körperlich und geistig gefälligst in Schubladen zu passen haben. Und wenn sie etwas nicht genauso schnell und gut können, wie die Masse, heftet ihnen bereits der erste Stempel an. Die weiteren Schablonen und Schubladen stellt dann auch schon unsere Gesellschaft großzügig bereit. Was nicht passt, wird gefälligst passend gemacht. Und wenn nicht, dann wirst du eben Außenseiter und eh oft genug das Ziel von fremden Meinungen und Vorverurteilungen.

Mir waren und sind das zu viele Anforderungen an unser Kind. Das kann ich allerdings nicht ändern. Was ich aber beeinflussen kann, sind die, die wir an ihn stellen. Und das sind sogar vielmehr Wünsche als Anforderungen. Ich wünsche mir für die kleine Rakete, dass er glücklich ist und es auch bleibt. Das ist mein allerallergrößter Wunsch im Leben. Dafür möchte ich ihm die Basis und das nötige Rüstzeug mit auf den Weg geben. Für mich sind das uneingeschränkte Liebe, Respekt, Verständnis, Gehör, Wurzeln, Flügel und Geborgenheit. Und wenn es ihn glücklich macht ein Kleid, einen Rock oder ein Elsa-Kostüm zu tragen, dann soll es so sein. Ich werde ihm auf jeden Fall den Rücken freihalten und ihm jederzeit ermöglichen seine eigenen Erfahrungen zu machen. Zum Glück denkt der Raketenpapa ganz genauso und wird unseren Sohn immer und auch in unkonventionellen Entscheidungen bestärken. (Das ist übrigens einer der vielen Gründe, warum ich diesen Mann so liebe.)

Kinder sind die besseren Vorbilder

Was ich an diesem besagten Nachmittag übrigens nicht beobachtet habe, waren voreingenommene Kinder. Kein einziges davon fand es anstößig, dass dieser kleine, blonde Junge in einem Kleid mit ihnen spielte. Ihnen war es komplett egal. Und das beweist einmal mehr, dass wir sehr viel von unseren Kindern lernen können. Sicherlich werden sich diese Eigenschaft nicht alle der kleinen Persönlichkeiten beibehalten. Aber einige werden es tun. Und das sind genau die Menschen, die später zu Eltern werden, die ihrem Sohn ein blaues Jeanskleid mit Spaghettiträgern und ihrer Tochter einen Kleiderschrank gefüllt mit schwarzen Gothic-Klamotten erlauben. Und auch vor ihnen werde ich mich verneigen.

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Eine blau-rote Rakete steigt nach rechts oben

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