Es gab eine Zeit, in der es mir gar nicht schnell genug gehen konnte. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass die kleine Rakete so um den sechsten Monat eine Phase hatte, in der er fast ausschließlich gemotzt hat. Ihm selbst ging es nämlich nicht schnell genug. Er wollte krabbeln, am besten gleich rennen, die Welt erkunden und selbstständig sein. Damals habe ich auf genau diese Meilensteine gewartet, weil sie – wie ich hoffte – das Ende der ständigen Motzerei bedeutet hätten. Heute versuche ich selbst Schritt zu halten. Die kleine Rakete überrennt mich in letzter Zeit sehr oft mit all den rasanten Entwicklungen, die er urplötzlich und manchmal sogar über Nacht macht. Da wird mein Mutterherz an manchen Tagen schon ganz schön melancholisch.

M wie Meilensteine oder Melancholie

Ich habe schon immer ein bisschen zur Melancholie geneigt. Grundsätzlich zähle ich zu der Gruppe Menschen, die sehr feinfühlig sind und denen beispielsweise auch schlechtes Wetter durchaus aufs normalerweise lustige Gemüt schlagen kann. So sehr, wie ich mich über jeden Entwicklungsschritt – neudeutsch Meilenstein – meines Sohnes freue, so sehr beschäftigen sich meine Gefühlswelten auch damit. Ich konnte noch nie gut loslassen und komme oft nur schlecht mit schnellen Veränderungen klar. Das ist natürlich nur semigut, wenn man Mutter eines Kleinkindes ist und damit fast täglich mit Veränderungen und Entwicklungen konfrontiert wird.

Meine große, kleine Rakete

Wenn es eines gibt, das den Melancholie-Button bei mir bisher immer gedrückt hat, dann ist es das rasante Wachstum meines Kindes. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich damals die kleine Größe 50/56 in einen Karton packen musste, weil mein Kind – entgegen aller Absprachen – viel zu schnell gewachsen ist. Damals hatte ich die ein oder andere Träne im Knopfloch und schob es allerdings auf die vielen Hormone, die meinen Körper (und Geist) immer noch fest im Griff hatten.

Heute ist die kleine Rakete mit Größe 98 eigentlich gar keine richtig kleine Rakete mehr. Erst kürzlich musste ich alle Kleidungsstücke in Größe 92 beiseite packen. Und auch dieses Mal musste ich dabei ordentlich schlucken. Dieser laufende Meter ist vor ein bisschen mehr als zwei Jahren und mit gerade einmal 51 Zentimetern Länge auf die Welt gekommen und hat seine Körpergröße jetzt fast verdoppelt! Das geht mir sowie meinem Geldbeutel alles ein bisschen zu schnell. Ich bin gerade einmal 165 cm groß und habe so langsam das Gefühl, dass mir mein Baby in relativ naher Zukunft auf den Kopf spucken kann, wenn er denn will. Das muss ich erst einmal verarbeiten. Bis ich das geschafft habe, werde ich sehr wahrscheinlich nach oben schauen müssen, wenn ich mit ihm spreche.

Hinter geschlossenen Türen

Vor ein paar Tagen habe ich nicht schlecht gestaunt, als die kleine Rakete schnurstracks in sein Zimmer gegangen ist und die Tür hinter sich geschlossen hat. Das hat mich gleich aus mehreren Gründen irritiert. Erstens konnte ich nicht länger hören, was er so treibt. (Seit er auf dieser Welt ist, war Stille noch nie ein gutes Zeichen und bedeutete meistens, dass er gerade Unsinn treibt.) Zweitens stehen in unserer Wohnung eigentlich alle Türen offen, weil wir ihm damit von Anfang an zeigen wollten, dass er in jedem Zimmer willkommen ist. Immerhin ist das hier auch sein Zuhause. Die kleine Rakete entwickelt derzeitig jedoch eine Vorliebe für geschlossene Türen und Schubladen. Immer wenn ich eine Tür oder eine Schublade vergesse zu schließen und er es merkt, kommt er angeflitzt, schließt sie und sagt in vorwurfsvollem Tone „zuuu Mama!“.

An dem besagten Nachmittag habe ich also ein paar Minuten gewartet und bin dann nachsehen gegangen, was unser Sohn so in seinem Zimmer treibt. Entgegen meiner Vermutung saß er total friedlich auf dem Boden und spielte mit seinen Autos. Als er mich sah, hat er mir umgehend zu verstehen gegeben, dass einerseits die Tür geschlossen werden sollte und es ihm andererseits auch ganz recht wäre, wenn Mama diese von außen schließt. Könnt ihr euch das vorstellen? Unser Sohn verhält sich mit zweieinviertel Jahren wie ich in meinen besten Teenagerzeiten! Nicht allein dass er seit einigen Monaten an die Türklinken kommt, nein, er schließt die Türen quasi vor meiner Nase und hinter sich.

Auf der einen Seite haben der Raketenpapa und ich uns natürlich köstlich darüber amüsiert und ich hätte der kleinen Rakete gerne eine High-Five auf die kleine Wursthand gedrückt. Andererseits musste mein Mutterherz das auch erst einmal verarbeiten. Die Indizien, dass mein Baby vermutlich gar kein Baby mehr ist, verdichten sich nämlich.

Der süße Duft von Freiheit

Letzte Woche haben wir festgestellt, dass unsere kleine Rakete aufgrund seiner beachtlichen Größe mittlerweile problemlos aus dem Bett klettern kann. Damit er sich dabei nicht verletzt, haben wir den großen Schritt gewagt und vier Stangen aus dem Gitter entfernt. Meine Güte hat er sich über dieses Bisschen Extra-Freiheit gefreut! Und genau genommen hat er damit übrigens kein richtiges Babybett mehr.

Jetzt klettert er also jeden Abend nach der Gute-Nacht-Geschichte ganz allein in sein Bett, legt sich hin und schnappt sich seinen Kuschelkumpel Paul. Nur zudecken kann er sich (noch) nicht selbst. Da dürfen Mama und Papa gerade so noch assistieren. Aber sicherlich ist auch das nur eine Frage der Zeit. Vermutlich kann er das dann morgen oder übermorgen, wenn ich mich gerade mal an all die anderen Meilensteine gewöhnt habe. Mama wächst ja bekanntlich und hoffentlich mit ihren Aufgaben.

Trockene Neuigkeiten

Als ob das alles nicht schon genug für mein sentimentales Mutterherz wäre, wurde uns neulich in der Kinderkrippe gesagt, dass die kleine Rakete dort ab Anfang März keine Windeln mehr tragen wird. Damit werden wir das zu Hause selbstverständlich auch einführen. Das bedeutet einerseits, dass ich am besten gleich seinen halben Kleiderschrank in der Kinderkrippe platziere und eine zweite Waschmaschine anschaffe. Andererseits bedeutet es natürlich auch, dass mein Baby vermutlich wirklich keines mehr ist.

Klar bin ich keineswegs traurig darüber, wenn wir die Anzahl der Stinkewindeln drastisch reduzieren. (Zumal er momentan ausschließlich von mir gewickelt werden möchte.) Aber was kommt denn bitte als nächstes? Macht er morgen seinen Abschluss und zieht übermorgen aus? Und wie oft darf ich noch blinzeln, bis er so alt ist wie ich?

Meilensteine sind auch Abschiede

Ich weiß, ich weiß Meilensteine sind großartig. Und ja, ich weiß auch, dass ich froh sein kann, dass dieses einstige hilflose, kleine Bündel selbstständiger wird und mittlerweile eine eigenständige kleine Person, inklusive eigenem (Dick-)Kopf geworden ist. Und das bin ich auch. Aber manchmal möchte ich die Welt anhalten. Manchmal geht es mir einfach zu schnell. In den letzten Wochen ist so viel passiert, dass ich mit dem Verarbeiten gar nicht hinterherkomme. Jetzt entscheidet die kleine Rakete selbst, was er anziehen will, verbessert mich, wenn ich aus Versehen Quatsch erzählt („Nee, Mama, Nei.“) und einen Radlader Bagger genannt habe und lernt so viele Worte, dass er mir ganz genau sagen kann, was er in der Kinderkrippe so getrieben hat.

Meine kleine Rakete ist – und das muss ich schweren Herzens zugeben – mittlerweile eine mittelgroße kleine Rakete geworden. Das macht mich trotz der vielen Freiheiten, die ich mittlerweile dadurch habe, manchmal einfach melancholisch. Natürlich ist alleine auf die Toilette gehen und zu jeder Zeit Duschen gehen zu können, nach all dem Verzicht, wie ein zweiwöchiger Urlaub. Aber der endgültige Abschied der Babyzeit berührt mich trotzdem hin und wieder.

Und wisst ihr was? Selbst wenn die kleine Rakete 3,80 m werden sollte, wird er immer meine kleine Rakete bleiben. Ich werde ganz sicher lernen mich mit all den erreichten Meilensteinen und Entwicklungen anzufreunden. Aber hin und wieder werde ich ganz bestimmt ein bisschen melancholisch zurückblicken und mir das winzige Bündel ins Gedächtnis rufen, das immer so lecker gerochen und mein Herz von Anfang an mit so viel Liebe gefüllt hat. (Wieviel er gespuckt und geschrien hat, blende ich dabei übrigens gekonnt aus. Im Verdrängen bin ich nämlich viel besser, als im Loslassen.)

Wie sieht es denn bei euch aus? Gibt es hier noch ein paar melancholische Mamas oder hakt ihr diese ganzen Meilensteine einfach immer ganz cool ab und blickt nach vorn? Erzählt doch mal!

Eine blau-rote Rakete steigt nach rechts oben

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