Gerade habe ich auf Instagram das Bild eines zuckersüßen Neugeborenen gesehen. Und schon waren meine Erinnerungen an die Geburt der kleinen Rakete wieder da. Sofort sehe ich mich selbst im Wehenzimmer und später im Kreißsaal liegen und sofort spielen meine Gefühle verrückt, kullern Tränen und bahnen sich Schluchzer ihren Weg. So langsam wird es Zeit, dass ich sie verarbeite. Vielleicht hilft es darüber zu schreiben und vielleicht hilft es mein Erlebtes mit euch zu teilen. Aber Vorsicht! Dies hier wird kein Geburtsbericht der blumigen Sorte. Die Geburt der kleinen Rakete war anders, als ich sie mir vorgestellt und erst recht anders, als ich sie mir gewünscht hatte. Sicherlich gibt es schlimmere Geburten. Die meiner kleinen Rakete war für mich jedoch ein Versagen, ein emotionales Chaos und Etwas, das ich endlich hinter mir lassen möchte.

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Die Geburt der kleinen Rakete

Schwangerschaftsdiabetes = Einleitung

Weil ich während meiner Schwangerschaft an Schwangerschaftsdiabetes erkrankt bin, wurde mir im Krankenhaus mitgeteilt, dass die Geburt am errechneten Termin eingeleitet werden müsse. Das sei bei Gestationsdiabetes eine Krankenhausrichtlinie, hieß es. Das Risiko, dass die kleine Rakete entgegen aller Messungen zu groß sein und in meinem Bauch versterben könnte, müsse ich selber tragen, wenn ich übertrage, sagten sie. Also entschied ich mich für die Einleitung und bereue es noch heute zutiefst. Bevor ich mich im Krankenhaus aufnehmen lassen habe, habe ich mich ein letztes Mal von meiner Hebamme untersuchen lassen. Die Untersuchung ergab, dass mein Körper überhaupt noch nicht geburtsbereit war und es ohne eine Einleitung noch gut und gerne eine Woche dauern könnte, bis sich unser Sohn auf den Weg macht. Tatsächlich hat meine Hebamme den ET sogar nach hinten korrigiert. Doch die Oberärztin blieb bei ihrer Meinung und ich fügte mich. Immerhin hätte ich es mir nicht verzeihen können, wenn diesem kleinen Wesen auf der Zielgeraden in meinem Bauch noch etwas zugestoßen wäre.

Die Einleitung

Am 27. November 2014  hat mich der Raketenpapa mittags zum Krankenhaus unserer Wahl gebracht. Dort wurde ich aufgenommen, an den Wehenschreiber gehängt und ausgiebig untersucht. Ich hatte leichte, für mich nicht wirklich spürbare Wehen und durfte sehr bald den ersten Wehencocktail kosten. Ein späteres CTG zeigte, dass die Wehen sich seit der Cocktail-Happy-Hour gänzlich verabschiedet haben. Also wurde mit der chemischen Einleitung, in Form von Tabletten, begonnen. Doch mein Körper blieb stur. Er war scheinbar tatsächlich einfach noch nicht so weit. Die Nulllinie auf den CTG-Ausdrucken begleitete mich nämlich noch eine ganze Weile. (Sie machte mich übrigens immer ein kleines bisschen stolz, weil es für mich bedeutete, dass mein Körper und mein Kind sich gegen die rigorose Entscheidung und Angstmache der Oberärztin auflehnten.)

Am Abend schickte ich den Raketenpapa dann nach Hause. Ich spürte, dass sich nichts mehr tun würde und wollte noch einmal versuchen Kraft zu tanken und ein bisschen zu schlafen. Nachdem meine Zimmergenossin in dieser Nacht ihre Tochter zur Welt brachte, war an Schlaf jedoch nicht zu denken. Vielmehr half ich ihr dabei ihre Wehen zu veratmen, als man sie nach dem Wehenstart aus dem Kreißsaal wieder zurück in unser Zimmer schickte. Und als sie längst wieder im Kreißsaal war, lag ich mit klopfendem Herzen, aufgeregt und vorfreudig in meinem Bett und wollte endlich wissen, wie unser Sohn aussieht.

Am 28. November lag ein langer Tag mit vielen kleinen Einleitungstabletten vor mir. Das CTG schrieb stur Nulllinien und der Raketenpapa und ich versuchten die viele Zeit totzuschlagen. Also zwangen wir mich Treppen rauf und runter, gingen spazieren, spielten Quirkle (Nicht einmal jetzt ließ er mich gewinnen!) und warteten und warteten. Nachdem wir am späteren Abend wieder mit einer deutlichen Nulllinie vom Wehenschreiber begrüßt worden, schickte ich meinen Mann erneut nach Hause. Der letzte CTG-Termin wartete 23:00 Uhr auf mich und danach wollte ich endlich schlafen und Kraft für die bevorstehende Geburt tanken.

Grünes Fruchtwasser

Kurz vor 23:00 Uhr schleppte ich meinen müden und ziemlich umfangreichen Körper Richtung Kreißsaal und damit auch Richtung CTG. Als ich dort ankam teilte man mir mit, dass ich noch warten müsse, weil es gerade einen Notfall gebe. Also platzierte ich meinen mittlerweile ebenfalls umfangreichen Hintern auf einem unbequemen Plastikstuhl und wartete. Und wartete. Und wartete. Eine Stunde später wurde ich abgeholt und durfte mich auf eine Pritsche legen und den Herztönen meines Sohnes zuhören. Gerade als ich dabei war mich zu entspannen und die Augen zu schließen, platzte meine Fruchtblase. Kurz zuvor hatte ich dem Raketenpapa eine Gute-Nacht-SMS gewünscht. Jetzt schickte ich ihm genau vier, lieb gemeinte Buchstaben: FUCK.

Die Menge an Fruchtwasser hat mich ganz schön überrascht. Und auch die Farbe war eine Überraschung. Es war nicht klar, sondern grün. Wie ich wenig später erfuhr, hat meine kleine Rakete sein Kindspech aufgrund des Einleitungsstresses bereits in der Fruchtblase verloren. Das ist für das Kind nicht ganz ungefährlich, da das verschmutzte Fruchtwasser eingeatmet werden und deshalb zu einer Infektion führen kann. Deswegen werden Neugeborenen, die mit grünem Fruchtwasser in Berührung gekommen sind, auch zuerst die Atemwege abgesaugt, bevor sie auf den Bauch oder die Brust der Mutter gelegt werden. So geschah es auch, als die kleine Rakete es endlich auf diese Welt geschafft hatte.

Los geht’s oder auch „Ohne dich ziehe ich das hier nicht durch.“

Nachdem der Raketenpapa meine Nachricht gelesen hat, hat er gefragt, ob er kommen solle. Weil ich wusste, dass es erst einmal eine ganze Weile dauern kann, bis die Wehen richtig intensiv werden, habe ich ihm geantwortet, dass er versuchen soll noch eine Mütze Schlaf zu bekommen. Dann wäre wenigstens einer von uns bei Kräften. Meine Meinung dazu änderte sich allerdings schnell. Schon zwanzig Minuten später befand ich mich wieder in meinem Krankenzimmer und hatte alle zwei Minuten starke Wehen. Also rief ich meinen Mann an und sagte ihm, dass er schnell kommen müsse. „Ohne dich zieh ich das hier nicht durch“, stöhnte ich ins Telefon. 20 Minuten später war er da. Das waren mit Abstand die längsten 20 Minuten meines bisherigen Lebens.

Zur Begrüßung übergab ich mich gleich mehrfach und würgte den vollkommen überteuerten Krankenhaus-Salat ins Waschbecken. Als wir wenig später auf die Uhr schauten, um den Abstand der Wehen zu überprüfen, staunten wir nicht schlecht. Sie kamen bereits jede Minute und rollten über mich hinweg, ohne dass ich sie auch nur ansatzweise veratmen oder beherrschen konnte.

Also schleppte ich mich die längsten 50 Meter meines Lebens in Richtung Kreißsaal. Ich weiß noch, dass ich andauernd pausieren musste, weil ich schon wieder mit einer Wehe kämpfte. Ich dachte damals, dass ich diesen Weg niemals bewältigen könnte. Mit der Hilfe des Raketenpapas habe ich es dann aber doch ins Wehenzimmer und wieder ans CTG geschafft.

Hilflos

Ich verbrachte den Großteil der Geburt in diesem Wehenzimmer. Dort lag ich auf einer Pritsche und hatte keine Möglichkeit mich irgendwo festzuhalten. Und meine Güte, wenn ich eines wollte, dann war es mich festzuhalten, Halt zu finden und den Wehen mit dem Druck meiner Hände etwas entgegensetzen zu können. Die Wehen überrollten mich mit einer Intensität, dass ich tatsächlich nicht wusste, wie ich das jemals überleben soll. Ich verlor jegliches Zeitgefühl und hatte Angst. Ich hatte Angst vor der nächsten Wehe, Angst davor, dass es nie enden wird und  davor, dass ich es womöglich einfach nicht schaffen könnte. So hilflos wie in diesen Stunden habe ich mich nie zuvor gefühlt. Ich kann nur ahnen, wie es für den Raketenpapa gewesen sein muss vollkommen hilflos neben seiner noch hilfloseren Frau zu stehen.

In dieser Nacht war scheinbar viel los in den Kreißsälen. Wir blieben nämlich allein in diesem Wehenzimmer zurück. Erst nach zwei Stunden kam eine Hebamme zu uns, um meinen Muttermund zu überprüfen. Bei der Aufnahme in den Kreißsaal war mein Muttermund 2 cm geöffnet. Knapp zwei Stunden später waren es bereits acht. Ich erinnere mich gut daran, dass sie sich über die Intensität meiner Wehen gewundert und nicht schlecht gestaunt hat, dass sich der Muttermund in so kurzer Zeit fast vollständig geöffnet hat. Sie hatte meinen Geburtsverlauf augenscheinlich falsch eingeschätzt. Wahrscheinlich wäre sie öfter vorbeigekommen und hätte mehr Anleitung und Hilfestellungen gegeben, wenn sie eine derartig rasante Geburt erwartet hätte. Das hoffe ich jedenfalls. Denn so hätte ich es mir gewünscht.

Rückblickend wundere ich mich, dass ich die Hebamme nicht gerufen und Unterstützung eingefordert habe. Allerdings war ich in dieser Zeit gar nicht wirklich ansprechbar. Ich war so auf mich und meinen Körper konzentriert, dass ich gar nicht agieren konnte. Noch weniger hätte ich in dieser Zeit einen Wunsch artikulieren können. Aufgrund dessen hätte ich mir gewünscht, dass engmaschiger nach uns gesehen wird. Vielleicht hätte das einen Unterschied gemacht.

Komplikationen inmitten eines Sturms aus Gefühlen

Kurz nachdem die Hebamme festgestellt hat, dass der Muttermund fast vollständig geöffnet ist, wurde ich in den Kreißsaal gebracht. Endlich hatte ich die Möglichkeit mich festzuhalten. Endlich wurde ich angeleitet. Doch das Gefühl der Hilflosigkeit blieb. Für ein Schmerzmittel blieb keine Zeit mehr und die Wehen raubten mir den Verstand. Ich konnte die wenigsten davon veratmen oder kontrollieren und hatte die gesamte Zeit über das Gefühl zu versagen. Wie konnte ich etwas nicht schaffen, das so vielen vor mir gelungen ist? Warum war ich – die vermeintlich Starke – so schwach? Wieso war es mir nicht möglich meinen Körper zu kontrollieren, obwohl ich sonst immer alles unter Kontrolle habe?

Die Austreibungsphase dauerte knapp 40 Minuten. Bereits nach 10 Minuten begann ich bei fast jeder Wehe zu hyperventilieren. So sehr ich es auch versuchte, ich konnte nichts anders. Deshalb verschlechterten sich die Herztöne der kleinen Rakete immer wieder. Ich erinnere mich noch heute sehr gut daran, wie ich mich gefühlt habe, als die Hebamme besorgt die Ärztin geholt hat. Ich fühlte mich so schlecht dabei, weil ich das Gefühl hatte, dass ich schuld daran war, dass mein Kind in Gefahr schwebt. Ich versagte und lag hilflos in einem Sturm aus Emotionen und Gefühlen, während der Raketenpapa mir immer wieder eine Sauerstoffmaske aufs Gesicht legen musste.

Ein Ende und ein Anfang

Als die Ärztin eintraf schloss sie mich kurzerhand an einen Wehentropf an, um die Geburt voranzutreiben. Noch bevor der Tropf überhaupt Wirkung zeigen konnte, presste ich ein letztes Mal und brachte unseren Sohn zur Welt. Die Ärzte zeigten ihn uns kurz und liefen sofort mit ihn nach nebenan. Dort befreiten sie seine Atemwege von Fruchtwasser und untersuchten ihn. Wenig später konnten wir ihn endlich in unsere Arme schließen.

Ich würde an dieser Stelle so gerne schreiben, dass dies der glücklichste Moment meines Lebens war. Ich würde so gern ein Bild zeichnen, dass an Geburten im Fernsehen erinnert. Aber so war es nicht. Die Geburt hat mich emotional und physisch ausgelaugt. Ich war einfach nur froh, dass es vorbei war. Die vielen Freudentränen, die ich mir immer ausgemalt hatte, blieben aus. Ich musste mich zunächst erst einmal sortieren, wieder bewusst in dieser Welt ankommen und beginnen zu verarbeiten.

Wir waren nach der Geburt noch eine Stunde im Kreißsaal und lernten unseren Sohn kennen. Ich legte ihn zum ersten Mal an und konnte meine Augen nicht von ihm nehmen. Da war er, mein neuer Lieblingsmensch, mein Sinn, mein Leben. Und ich liebte ihn. Meine Güte, wie sehr ich ihn liebte! (Damals hätte ich nicht gedacht, dass diese tiefe Liebe noch steigerungsfähig wäre. Heute weiß ich, dass sie jede Sekunde weiterwächst.) Anstatt nach der Geburt zu schlafen, konnte ich meine Augen nicht von ihm lassen. Ich starrte ihn an, beobachtete jede kleine Bewegung und gab ihm stumme Versprechen.

Mütter sind Superheldinnen

Ende des 9. Schwangerschaftsmonats begann ich mich mit dem Thema Geburt auseinanderzusetzen. Ich erstellte einen Geburtsplan, besprach ihn mit dem Raketenpapa, besuchte einen Geburtsvorbereitungskurs und ging zur Akkupunktur. Ich wollte so gut vorbereitet sein, wie ich kann. Ich wollte auf einem Gebärhocker entbinden und die Schwerkraft nutzen. Ich lehnte jedes Schmerzmittel ab und verteufelte die PDA. Außerdem wollte ich um keinen Preis eingeleitet werden. Ich hatte nämlich gelesen, dass eine Einleitung den Wehenschmerz verstärkt und eingeleitete Geburten sehr häufig eine PDA nach sich ziehen, weil der Schmerz kaum auszuhalten ist.

Letztlich habe ich die wenigsten Punkte meines Geburtsplans umgesetzt. Ich war theoretoisch wunderbar vorbereitet. In der Praxis sah das aber ganz anders aus. Rückblickend hätte ich mich von der Oberärztin nicht verunsichern lassen sollen. Mein Instinkt hat mir damals gesagt, dass eine Einleitung der falsche Weg ist. Ich hätte auf ihn hören sollen. Vielleicht hätte ich dann auch eine schöne Geburt haben können. Die soll es nämlich geben. Tatsächlich kenne ich Frauen, die mir ihre Geburten auf eine Weise beschrieben haben, die ich gerne erlebt hätte. Eine PDA lehne ich mittlerweile übrigens nicht mehr ab. Sollten wir uns jemals für ein zweites Kind entscheiden, dürfen sie mir den Zugang gerne schon  bei der Aufnahme legen.

Jetzt heißt es aufarbeiten und loslassen. Unser Sohn ist trotz allem gesund zur Welt gekommen und ich könnte nicht stolzer auf ihn sein. Anstatt mich mit Versagensgefühlen zu beschäftigen versuche ich mich zukünftig an dem Gefühl festzuhalten, das ich in den ersten Wochen nach der Geburt hatte. Ich fühlte mich nämlich wie eine Superheldin. Ich hatte einen Menschen in mir wachsen und gedeihen lassen und habe ihm das Leben geschenkt. Mütter sind für mich vom ersten Moment der Schwangerschaft an Heldinnen. Und dabei ist es ganz egal, ob die Geburten turbulent, schön, kompliziert, hart, sanft, schnell, langsam, spontan, natürlich oder irgendetwas anderes war.

Schreiben befreit

Ihr wollt gar nicht wissen, wie viele Tränen geflossen sind, während ich diesen Geburtsbericht geschrieben habe. Und dennoch merke ich, dass es das Richtige war. Mich zu erinnern, noch einmal nachzufühlen und alles aus meinem Kopf und Herzen nach außen zu zwingen, fühlt sich unglaublich gut an. Ich kann euch nur ans Herz legen, euren Geburtsbericht aufzuschreiben, wenn ihr ähnliche Gefühle oder Erlebnisse hattet. Ihr müsst ihn nirgendwo veröffentlichen und auch niemandem zeigen. Allein die Tatsache, dass man das Erlebte nicht mehr in sich verschließt und den Gefühlen und Gedanken Raum gibt, ist womöglich ein Schritt in Richtung Verarbeitung. Und solltet ihr eine dieser ominösen schönen Geburten erlebt haben, lohnt es sich erst recht sie schriftlich zu fixieren. Zu leicht vergisst man kleine Details, die erinnerungswürdig sind.

Falls ihr euren Geburtsbericht doch veröffentlichen wollt, weil ihr eure Geschichte erzählen oder (werdende) Mütter informieren oder teilhaben lassen möchtet, gebe ich euch gerne auf meiner Seite die Möglichkeit dazu. Schreibt mir dazu einfach unter hallo@mamaundrakete.de.

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Eine blau-rote Rakete steigt nach rechts oben

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