Gerade eben ist die kleine Rakete friedlich auf mir eingeschlafen. Erst vor wenigen Minuten habe ich seinen gleichmäßigen Atemzügen gelauscht, seine Wärme gespürt und ihm einen Kuss auf den verschwitzten Kopf gegeben. Das gerade eben war die Ruhe nach dem großen Sturm. Es war die Erschöpfung nach der großen Wut und das Ergebnis von doppelter Überforderung. Und wieder einmal wurde mir der Spiegel vorgehalten und wieder einmal habe ich gemerkt, dass ich so weit von der mütterlichen Perfektion entfernt bin, wie die Sonne von der Erde.

Wenn Wut auf Überforderung trifft

Im Grunde hatten wir heute einen richtig tollen Abend. Wir haben wie die Verrückten Fangen gespielt, uns gegenseitig durchgekitzelt, einen Haufen Quatsch gemacht und uns die Bäuche vor Lachen gehalten. Dieser schöne Abend war genauso lange schön, bis es an der Zeit war die kleine Rakete für das Bett vorzubereiten. Wir waren spät dran, er hüpfte seit der ausgiebigen Dusche nackt herum und ich war dabei ihm seinen neuen, supercoolen Dinosaurier-Schlafanzug anzuziehen. Die kleine Rakete liebt Dinos. Seit heute weiß ich, dass er sie nur so lange liebt, bis er sie in Form eines Schlafanzugs anziehen soll.

Mein Sohn wollte weder die Windel, noch die Kleidung anziehen. Ins Bett wollte er erst nicht. Ich hingegen wollte, dass er sich etwas anzieht, weil es recht kühl war und letztlich wollte ich natürlich auch, dass er sich so langsam Richtung Abendritual bewegt. Und genau hier sind zwei völlig verschiedene Meinungen und ein wütendes Kind auf eine überforderte Mutter getroffen. Während mein Sohn so wütete und schrie, wie selten zuvor, wuchs meine Überforderung. Ich war hilflos, seine Schreie gingen mir durch Mark und Bein und letztlich wurde ich wütend. Ehrlich gesagt wurde ich stinksauer. Also begann ich ebenfalls zu schreien.

Heute habe ich versagt

Da standen wir nun – mein kleiner Lieblingsmensch und ich – und schrien uns an. Beide wurden wir von unseren Emotionen überrollt und konnten nicht anders, als uns ein Ventil zu suchen. Während er schrie, weil er weder etwas anziehen, noch ins Bett gehen wollte, schrie ich ihn an und forderte, dass er bitte, bitte aufhören solle zu schreien. Als mir bewusst wurde, was ich da gerade tat, musste ich das Zimmer verlassen und mich sammeln. Nichts liegt mir ferner, als meiner kleinen Rakete in irgendeiner Form wehzutun. Und doch hatte ich die Fassung verloren und ihn angebrüllt.

Ich bin grundsätzlich kein geduldiger Mensch. Wenn es die kleine Rakete betrifft, ist das jedoch meistens ganz anders. Normalerweise begegne ich seinen zahlreichen Wutanfällen mit einer leisen Stimme, offenen Armen, einem noch offeneren Herzen und einer großen Menge Empathie. Ich weiß, dass seine Wutanfälle nicht rational sind und er wegen ihnen oft die größeren Opfer bringt, als wir Erwachsenen. Ich weiß normalerweise, wie ich ihn aus dieser Flut an Emotionen retten kann. Normalerweise bin ich sein Fels, sein Anker in all dem Chaos und das Stückchen personifizierte Geborgenheit, das ihm dabei hilft den Weg aus dem Emotionschaos zu finden. Heute ist mir das nicht gelungen. Heute habe ich versagt.

Mensch Mama

Und jetzt sitze ich hier, lasse die vergangenen Stunden Revue passieren und leide unter meinen Selbstvorwürfen. Ich weiß nicht, warum ich heute nicht ruhig bleiben konnte. War es der lange Arbeitstag, ein unerfreuliches Telefonat oder die bleierne Müdigkeit, mit der ich seit Tagen kämpfe? Was auch immer es war. Mein Verhalten war falsch und genau deshalb habe ich mich ausgiebig bei ihm entschuldigt, als er sich beruhigt hatte. Ich habe seine Hand gehalten und versucht so für ihn da zu sein, wie ich es sonst immer bin und zuvor hätte sein müssen. Ich habe ihm Sicherheit geschenkt und all meine Liebe in jede einzelne Berührung gesteckt. Mama zu sein ist nicht immer einfach. Heute Abend war es hart. Heute Abend war ich nicht die Art Mama, die ich sein möchte. Heute war ich so weit von der mütterlichen Perfektion entfernt, wie selten zuvor. Heute Abend war ich Mensch. Mensch Mama.

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Eine blau-rote Rakete steigt nach rechts oben

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