In meinem Mama-Alltag schwimme ich andauernd. Ich bin oft zu spät dran, stehe noch öfter unter Stress, vernachlässige den Haushalt und sehr oft auch mich selbst. Mittlerweile weiß ich, dass Schwimmen nicht schlimm ist. Was ich ebenfalls in den letzten zweieinhalb Jahren gelernt habe ist, dass es so lange nicht schlimm ist, so lange kleine Inseln in der Nähe sind, an denen ich hier und da vorbeischwimmen und mich festhalten kann. Seit knapp einem halben Jahr baue ich diese kleinen Inseln bewusst in meinen Alltag ein und hole mir damit die Kraftreserven zurück, die mich unser Familienleben und mein Dasein als berufstätige Mutter oft und sehr schnell kosten. Das war aus vielen Gründen ein sehr wichtiger Schritt für mich als Mama und als Frau.

Ein Jahr ohne Pausen

Im ersten Lebensjahr der kleinen Rakete war ich immer an seiner Seite. Das war ich natürlich, weil er mich brauchte, und andererseits konnte ich an eine Trennung von ihm gar nicht denken. Ich war genau zu der Glucke geworden, die ich, bevor ich selbst Mutter geworden bin, belächelt habe. Und so hat es auch gar nicht lange gedauert, bis ich an meine Grenzen gestoßen und stetig darüber hinweggegangen bin. Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich förmlich nur noch aus Augenringen bestand und mich jeden Tag aufs Neue in ein sehr dünnes Nervenkostüm gezwungen habe. Damals waren eine bleierne Erschöpfung, viele Tränen und das Gefühl mich selbst verloren zu haben an der Tagesordnung. Ich war jetzt Mama, wusste aber gar nicht mehr so genau, wer genau eigentlich Andrea ist. Außerdem war ich heillos überfordert, habe mich zu großen Stücken aufgegeben und aufgeopfert und das Wohl der kleinen Rakete und meiner kleinen Familie über mich selbst gestellt.

Die Quintessenz dessen war, dass ich nicht mehr die nötige Kraft hatte die entspannte Mama zu sein, die die kleine Rakete verdient. Also meckerte ich schnell und viel mit ihm und wand mich danach unter meinem schlechten Gewissen. Und auch der Raketenpapa würde an dieser Stelle sicherlich schnell und bereitwillig unterschreiben, dass ich zu dieser Zeit ebenfalls eine ziemlich übellaunige Partnerin war. Mir wurde alles zu viel und wuchs über meinen allzu vollgestopften Kopf.

Eine heilende Zwangspause

Als der Raketenpapa das erkannte, verordnete er mir eine kleine Zwangspause und schickte mich alleine und mit meinem Tolino bewaffnet Kaffee trinken. Also wanderte ich ein wenig ziellos in unserer Nachbarschaft umher und setzte mich dann an einen Tisch im Außenbereich eines kleinen Bäckers. Da saß ich nun. Mitten in der Sonne. Mitten in der Ruhe. Mit einem übergroßen Kaffee vor mir, genoss ich es ausgiebig einfach nichts zu tun. Genau anderthalb Stunden hielt ich an diesem Nachmittag aus, bevor ich begann mich nach unserem Sohn zu sehnen. Und soll ich euch etwas sagen? Das waren heilende und richtig nötige anderthalb Stunden meines Mama-Lebens. Schon auf dem Heimweg merkte ich, dass ich begann immer schneller zu laufen, um endlich zu meinen Lieblingsmännern zurückzukehren. Ich hatte ein vorfreudiges Kribbeln und richtig gute Laune im Gepäck, obwohl ich wusste, dass zu Hause das absolute Chaos, ein Wäscheberg, der seinesgleichen sucht, ein schlecht gelauntes Baby, das mitten in einem doofen Sprung steckte, und all das auf mich wartete, vor dem ich kurz zuvor noch fliehen musste.

Damals habe ich erkannt, das Pausen wichtig sind. Mama bzw. Eltern zu sein ist wunderschön, aber auch kraftzehrend und manchmal auch einfach hart. Pausen – und sind sie auch noch so klein – helfen mir dabei auch in schwierigen Situationen geduldig und entspannt zu bleiben.

Kraftfresser Alltag

Als die kleine Rakete 16 Monate alt war, stieg ich wieder ins Berufsleben ein. Weil ich keine passende Teilzeitstelle finden konnte, arbeite ich seitdem 40 Stunden die Woche. Hinzu kommt, dass der Raketenpapa viel geschäftlich unterwegs ist und ich öfter mit der kleinen Rakete alleine bin. Gerade in der Anfangszeit und nach dem Wiedereinstieg in den Beruf ist es mir nicht gelungen auch für mich selbst da zu sein. Ich habe meine eigenen Bedürfnisse erneut komplett aus den Augen verloren. Wieder stieß ich nicht nur an meine Grenzen, sondern ignorierte sie und stieg bereitwillig darüber hinweg.

Ich befand mich erneut in dem Tal, das ich bereits zuvor ziellos durchschritten hatte. Meine Kräfte schwanden und waren im Grunde nicht mehr vorhanden und ich hatte das Gefühl immer kleiner zu werden. Die Arbeit, der Haushalt, die Bedürfnisse der kleinen Rakete, Zähne, die viele schlaflose Nächte mit sich brachten, und all die anderen kleinen und großen Dinge, die die eigene Zeit fressen, füllten meine Tage so sehr aus, dass ich einfach zu kurz kam. Viel zu kurz. Im Dezember vergangenen Jahres ließ ich das vergangene Jahr Revue passieren und arbeitete Vorsätze für das Jahr 2017 aus. Innerhalb dieser stand ich im Mittelpunkt. Ich wollte mehr Zeit für mich und diese wollte ich mit schönen Dingen füllen. Mittlerweile wusste ich sehr gut, dass das der einzige Weg ist meine Kraftreserven aufzufüllen.

Augen zu und durch

Damit ich überhaupt ein paar freie Zeitfenster für schöne Dinge freischaufeln konnte, musste ich zuerst umdenken und priorisieren. Neben einem Vollzeit-Job, einer bedürfnisorientierten Erziehung der kleinen Rakete, einer großen Wohnung, Einkäufen und Wäschebergen ist nämlich nur wenig Platz für Selbstverwirklichung. Klar war, dass ich nach wie vor so viel Zeit wie möglich mit der kleinen Rakete verbringen möchte. Und natürlich konnte ich an meiner Arbeitszeit nicht viel ändern. Bei allem anderen habe ich aber gelernt mich von meinem Perfektionismus zu trennen. Soll heißen: Wir haben seitdem öfter Haustiere (Wollmäuse), im Bad ist ausreichend Platz für einen Mount-Washmore, die gewaschene Wäsche passt ganz gut auf unsere große Couch und die kleine Rakete kann sich prima darunter verstecken, Einkäufe können zur Not bestellt werden und der Italiener um die Ecke macht richtig gute Pasta.

Ich habe gelernt die Augen vor Dingen zu verschließen, die mich früher nicht mehr ruhig sitzen ließen. Das hat gedauert und mich Überwindung gekostet. Aber es ist es wert. Ich habe nun Zeit übrig, die ich für mich und den Raketenpapa nutzen kann und bin ausgeglichener und eine glücklichere Mama.

End-l-ICH

Als Mama fällt es besonders schwer sich selbst in den Mittelpunkt zu rücken. Zumindest ist das bei mir so. Und wenn ich es anfangs tat, kämpfte ich vollkommen irrational mit einem schlechten Gewissen. Nachdem ich sehr oft mit dem Raketenpapa darüber gesprochen habe und er es immer relativiert hat, habe ich gelernt diese innere Stimme zu überhören. Mittlerweile kann ich meine Auszeiten genießen und freue mich darauf – ganz ohne schlechtes Gewissen. Denn wenn ich Eines gelernt habe, dann ist es, dass die kleine Rakete nach jeder dieser Auszeiten eine ausgeglichenere und geduldigere Mama zurückbekommt.

Und deshalb sitze ich gerade mit hochrotem Kopf, völlig verschwitzt und richtig glücklich vor diesem Laptop. Ich komme gerade vom Power-Yoga. Das mache ich nun einmal die Woche und die Endorphine und der nachträgliche Muskelkater sind pures Glück. Nächste Woche habe ich einen Pediküre- und Maniküre-Termin und übernächste Woche treffe ich mich mit einer Freundin. So komme ich sogar ganz gut und sehr oft entspannt durch die Trotzphase und überstehe das Chaos in meinem Mama-Alltag besser. Ich schwimme nach wie vor sehr häufig, aber besser. Die nächste Insel ist nämlich schon bald in Sicht.

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Eine blau-rote Rakete steigt nach rechts oben

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