Kürzlich wurde ich gefragt, ob und wie mich das Muttersein verändert hat. Seitdem denke ich darüber nach und bin dabei schon das ein oder andere Mal innerlich gestolpert. Es ist absolut untertrieben wenn man sagt, dass einen das Muttersein verändert. Es verändert nicht nur, es stellt nahezu alles auf den Kopf. Und das tut es auch mit dem Menschen, der man vor der Geburt des kleinen Lieblingsmenschen war. Ich war 31 als die kleine Rakete das Licht der Welt erblickte und dachte, dass ich sehr genau wüsste, wer ich eigentlich bin und was genau ich will. Wenn ich heute zurückblicke, sehe ich, dass sich viele Dinge in mir und meinem Leben geändert haben. Manche davon haben mich überrascht.

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Be- und Entschleunigung

Seit ich Mutter bin, hetze ich oft durch die Tage. Mein Wecker klingelt spätestens 5:30 Uhr und die Snooze-Funktion benötige ich auch nicht mehr. Ich stürme nahezu aus dem Bett, damit ich wenigstens kurz – nur ganz kurz – in Ruhe duschen kann, bevor die kleine Rakete wach wird. Und manchmal – ganz vielleicht – kann ich mich sogar in Ruhe und ohne dass mir kleine Hände am Rockzipfel ziehen die Augenringe wegschminken. Dann bringe ich das Raketchen in die Kinderkrippe und hetze auf Arbeit. Dort renne ich durch den Arbeitsalltag und versuche alles in der Regelarbeitszeit zu schaffen. Überstunden bedeuten nämlich auch Überstunden für meinen Sohn in der Kinderkrippe. Diese versuche ich immer zu vermeiden. Also spurte ich nach der Arbeit und mit Vorfreude-Schmetterlingen im Bauch zurück zur Kinderkrippe, damit er endlich in meine Arme rennen kann. Erst jetzt geht es ruhiger zu und das bleibt genau so lange so, bis die kleine Rakete selig schläft. Denn jetzt warten das Bisschen Haushalt und danach direkt die Couch.

Ein Kind beschleunigt das eigene Leben – keine Frage. Doch so sehr ich mich auch durch die Tage hetze, umso mehr liebe ich die Momente, in denen wir den Leerlauf einschalten und alles vollkommen entschleunigen. Die Wochenenden sind uns beispielsweise heilig. Hier versuchen wir jede Art von Stress tunlichst zu vermeiden und sie mit genau den Dingen zu füllen, die uns glücklich machen. Und auch in der Woche zwingt mich unser Sohn glücklicherweise oft zum Innehalten. Da finde ich uns beide in all der Hektik schon mal auf allen Vieren auf dem Bürgersteig, weil wir eine Ameisenstraße beobachten (müssen). Auch der Gullideckel auf dem Parkplatz der Kinderkrippe muss beispielsweise des Öfteren sehr genau untersucht werden. Und ich lasse diese Momente so häufig wie nur möglich zu. Sie zwingen mich dazu, mich auf das Wichtige und Wesentliche zu konzentrieren und dazu tief und ausgiebig durchzuatmen. Und oft ist es tatsächlich so, dass die kleine Rakete mir Dinge zeigt, die mir sonst entgangen wären. Mal ganz ehrlich: Welcher Erwachsene nimmt sich denn normalerweise richtig viel Zeit, um Ameisen bei der Arbeit zu beobachten?

Ein neuer Soundtrack

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass früher immer dort Musik lief, wo ich mich befand. Ich habe mir etliche Mixed-CDs gebrannt und konnte jede meiner Stimmungen damit bedienen. War ich traurig, hatte ich eine CD, die den richtigen Soundtrack gleich mitlieferte. War ich glücklich, hatte ich auch hierfür die entsprechende musikalische Untermalung. Ich habe diese CDs mindestens so oft verschenkt, wie ich sie gehört habe. Einmal hat mich sogar die Polizei angehalten, weil ich im Auto zu laut Musik hörte.

Heute höre ich noch immer viel Musik. Diese hat allerdings nichts mehr mit meinem eigentlichen Musikgeschmack zu tun. Jetzt schleichen sich Gerhard Schöne und Simone Sommerland als Ohrwürmer in meinen Kopf. Seit einem halben Jahr backe, backe ich Kuchen mit der kleinen Rakete, schreien wir Aramsamsam aus rotgetanzten Gesichtern, verschwinden unsere Hände stetig und lauschen wir dem Kuckuck und dem Esel. Mein Soundtrack ist nun ein anderer. Und das ist gar nicht schlimm. Der neue macht nämlich Spaß und bereitet mir viel Freude, weil die kleine Rakete aussieht wie ein süßer, kleiner Tanzbär, wenn er versucht sich zur Musik zu bewegen und den Kullerbauch schwingt, als gäbe es kein Morgen.

Musik begleitet mich also noch immer täglich. Oft fällt mir dabei gar nicht auf, dass ich seit einem Jahr keine Ahnung mehr von den aktuellen Charts habe. Die einzigen Momente, in denen ich derzeitig Erwachsenenmusik lausche finden im Auto statt, wenn ich die kleine Rakete in die Kinderkrippe bringe. Die Musik ist nun natürlich deutlich leiser als früher. Aber im Mitsingen bin ich noch immer ganz groß. (Auch wenn es vom Rücksitz keinen Applaus, sondern relativ oft ein „nei, Mama! Stohoooop“ regnet.)

Schlaf Mama, schlaf

Seitdem ich Mutter bin, kann ich überall und in allen erdenklichen Situationen und Positionen schlafen. Das wäre vor der kleinen Rakete undenkbar gewesen. Früher habe ich manchmal Ewigkeiten gebraucht, bis ich die einzig richtige Einschlafposition gefunden habe. Heute schlafe ich im Sitzen, mit einem 14-kg-Kind auf mir, auf dem Fußboden vor dem Bett meines kranken Sohnes und bei jeder noch so kurzen Autofahrt. Ich habe gelernt alle Möglichkeiten zu nutzen, die sich mir bieten. Denn Schlaf ist bei uns nicht selten Mangelware. Also gehe ich so früh ins Bett, bin auf Partys nicht mehr die Letzte, dafür aber meistens die erste wache Person.

Schlafen hat mittlerweile einen wichtigen Platz in unserem Leben gefunden. Während man früher lieber auf Schlaf verzichtet hat, weil man Angst hatte womöglich etwas zu verpassen, habe ich heute eher Angst davor keinen Mittagschlaf halten zu können. Der ist am Wochenende nämlich heilig. Und das ist nicht allein so, weil wir ihn alle oft und dringend brauchen. Die kleine Rakete konnte nämlich mittags nie besonders gut einschlafen und hat es immer nur auf wenige Minuten gebracht, wenn er alleine schlafen musste. Also habe ich irgendwann angefangen mich mit ihm hinzulegen. Seitdem machen wir zusammen Mittagsschlaf. Und das Allerallerbeste ist, dass der Raketenpapa sich seit geraumer Zeit dazugesellt. Am Wochenende gibt es bei uns also den Familienmittagsschlaf mit ganz viel Kuscheln, schlafendes Kind beobachten und Händchen halten. Mir graut schon jetzt vor dem Tag, an dem die kleine Rakete keinen Mittagsschlaf mehr machen will.

Im Wasser gebaut

Etwas das mir wirklich oft auffällt ist, dass das Muttersein mich weicher und noch empathischer gemacht hat. Ich habe schon vor meiner Mutterschaft nah am Wasser gebaut. Jetzt habe ich im Wasser gebaut. Eigentlich habe ich sogar direkt unter Wasser gebaut. Sobald ich etwas sehe, das ich traurig finde, fließen ganze Sturzbäche aus Tränen. Sehe ich etwas, das mich glücklich macht, fließen sie ebenfalls. Mittlerweile braucht es wirklich wenig, um einen Panda aus mir zu machen, weil meine Wimperntusche den Wassermengen nicht standhalten konnte.

Wenn ich beispielsweise die Bilder aus Aleppo oder Afrika sehe, bringen sie mich wochenlang um den Schlaf. Sobald mich Schicksale beschäftigen, möchte ich helfen, die Welt ein bisschen ändern und besser machen. Ich möchte meinem Sohn zeigen, dass auch kleine, gute Taten große Effekte haben können. Und ich möchte ihm beibringen, dass Mitgefühl kein Zeichen von Schwäche ist. Auch wenn es bedeutet, dass Mama öfter zum Panda mutiert.

Improvisieren und Priorisieren

Wenn ich eines gelernt habe, seit ich Mutter bin, dann ist es Improvisation. Sobald mindestens ein Kind im Spiel ist, sind beispielsweise Uhrzeiten Richtwerte und Zuverlässigkeit ein dehnbarer Begriff. Hier schlägt Murphys Gesetz nämlich allzu gerne zu. Wenn wir es gerade sehr eilig haben, kann ich mittlerweile darauf wetten, dass die kleine Rakete mit hochrotem Kopf die Windel voll macht. Oft tut er das mit solcher Inbrunst, dass wir ihn direkt umziehen können. Tatsächlich passt es ihm auch ganz gut, ordentlich zu verdauen, wenn wir gerade irgendwo sind, wo es weder Wickeltische, noch andere Ablegemöglichkeiten gibt. So wurde er nicht selten in Kofferräumen, auf Rücksitzen oder auf Rasenstücken gewickelt. Und wenn wir einen wichtigen Termin haben, ist es tatsächlich in 90 % der Fälle so, dass unser Sohn krank ist oder uns kurzfristig, aber gründlich angesteckt hat. Improvisation gehört bei uns mittlerweile zum Alltag und wir werden immer besser darin.

Auch das Priorisieren bestimmt unseren Alltag. Sicher is immer, dass die kleine Rakete stets Prio A+ ist. Das wirkt sich natürlich immens auf unsere Leben aus. Es bedeutet nämlich oft, dass der Raketenpapa und ich gerne und unserem Sohn zu Liebe auf Dinge verzichten. Dabei muss vor allem ich immer ein bisschen aufpassen, dass ich mich und meine Bedürfnisse nicht völlig aus den Augen verliere.

Grundsätzlich ist uns die Zeit mit der kleinen Rakete immens wichtig und damit ist sie auch Priorität. Sonntag ist beispielsweise immer Familientag. Dann unternehmen wir drei gemeinsam Dinge, erleben kleine und große Abendteuer und schaffen schöne Erinnerungen. Es kann auch schon mal passieren, dass wir das auch samstags machen. Die Zeit zu dritt ist nämlich oft so kostbar, dass wir gar nicht genug davon bekommen können. Das wiederum bedeutet aber auch, dass man bei uns öfter Wollmäuse und damit unsere einzigen Haustiere begrüßen kann. Außerdem kann man in unserer Küche oft vom Boden essen – weil da so viel liegt. Das Bisschen Haushalt macht sich leider nicht ganz von alleine und mein innerer Monk leidet doch auch sehr darunter. Trotzdem priorisiere ich auch hier und habe es noch nie bereut.

Muttersein macht glücklich

Muttersein ist oft ein ganz schön hartes Stück Brot. In den sozialen Netzwerken wird es gerne oft anders dargestellt. Da sieht man saubere, lachende Kinder auf sauberen, weißen Sofas, die wiederum auf sauberen, weißen Teppichen stehen. Über allem liegt ein schöner Filter, der leise aber inständig verspricht: Mamasein ist super einfach. Tatsächlich hätte ich selbst nicht gedacht, dass ich es manchmal als schwierigste Sache der Welt empfinden könnte. Es fordert mich, nimmt mich vollständig ein und bringt mich an meine Grenzen und oft auch darüber hinaus.

Nicht selten habe ich gerade im ersten Jahr mit der kleinen Rakete vor Erschöpfung und Überforderung geweint, geflucht, in Kissen geboxt und gestritten. Mindestens doppelt so oft, sind mir aber auch vor Glück die Tränen gekommen, stand ich tanzend mit der kleinen Rakete in seinem Zimmer, habe ich selig an seinem Nacken geschnüffelt, wenn er auf mir schlief, seine vielen Fortschritte bestaunt und glücklich die kleine Hand gehalten. Mama zu sein ist anstrengend, aber es erfüllt auch so, wie es nichts Anderes kann. Heute bin ich ein glücklicherer Mensch als früher. Ich habe jeden Tag Schmetterlinge im Bauch, wenn ich meinen Sohn aus der Kinderkrippe abhole, weil ich mich so auf ihn freue, Ich lache mit ihm über die blödesten Dinge und bin froh, dass er mir unsere Welt durch seine Augen zeigt. Ich muss das Glück nicht mehr suchen. Es ist seit November 2014 allgegenwärtig.

Eine blau-rote Rakete steigt nach rechts oben

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