Seit Monaten fragt die kleine Rakete nun schon fast täglich, wann sein Bruder endlich „rausgeflutscht“ kommt. Seit der 28. Schwangerschaftswoche beschäftige ich mich eher und notgedrungen mit der Frage wie er zur Welt kommen wird. Unser zweiter Sohn hat sich nämlich gegen den Kopfstand entschieden und liegt seitdem und mit nur einer kurzen Unterbrechung in Beckenendlage. Deshalb beschäftige ich mich nun schon länger und ausgiebig mit dem Thema Beckenendlage sowie mit den damit verbundenen geburtlichen Risiken, wälze Geburtsberichte, wäge ab und habe nun endlich entschieden, welchen Weg wir gemeinsam bestreiten werden.

Die Beckenendlage – die Abweichung von der Norm

Die meisten Babys drehen sich zwischen der 26. und 29. Schwangerschaftswoche (SSW) mit dem Kopf nach unten und bleiben genau so liegen, bis sie letztlich entbunden werden. In meinem Mutterpass taucht das Kürzel BEL (Beckenendlage) zum ersten Mal in der 28. Schwangerschaftswoche auf. Das war damals allerdings noch vollkommen unbedenklich, weil sich die meisten Babys, die sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gedreht haben sollten, meist bis zur 32. Schwangerschaftswoche drehen. Noch ist nämlich genügend Platz. Die Mini-Rakete hat das übrigens eine Zeitlang genauso gesehen und sich in der 31. Schwangerschaftswoche für kurze Zeit in die erhoffte Schädellage begeben. Bis zur 34. SSW liegen statistisch gesehen 90 % aller Babys in Schädellage. Die übrigen 10 % tragen den Kopf unter dessen weiterhin schön oben. So auch unser zweiter Sohn. Seit der 34. Schwangerschaftswoche liegt er nun schon wieder in Beckenendlage. Zu diesem Zeitpunkt hatte er aber laut meiner Gynäkologin und Hebamme noch ausreichend Platz und Fruchtwasser zur Verfügung, um es doch noch einmal mit einem Purzelbaum zu probieren. Mit jeder weiteren Schwangerschaftswoche sinkt das Platzangebot in der Gebärmutter allerdings. Die Babys nehmen stetig zu und wachsen und die Gebärmutter hat ihre Grenzen. Und genau deshalb wurde ich unruhig. Was wäre, wenn er sich nicht dreht? Wie würde ich ihn zur Welt bringen? Welche Risiken muss ich abwägen? Was ist das Beste für ihn und was das Beste für uns? Wird er sich doch noch drehen, oder zu den 4 % der Babys gehören, die sich zwischen der 37. und 42. Schwangerschaftswoche noch immer in Beckenendlage befinden?

Ein Schubs in die richtige Richtung – aber wie?

Nachdem ich auch in dieser Schwangerschaft unter Gestationsdiabetes leide, besuche ich seit sechs Wochen die Schwangerschaftsintensivberatung (SIB) des Uniklinikums Leipzig. Seitdem dort in der 34. SSW erneut die Beckenendlage festgestellt wurde, ist auch das ein Bestandteil unserer Aufklärungsgespräche und wird dort beobachtet. Es gibt verschiedene Möglichkeiten seinem Baby vielleicht doch noch einen Schubs in die richtige Richtung zu geben. Manche davon kamen mir recht logisch vor, an andere muss man – so denke ich – einfach glauben, damit sie funktionieren, und eine erscheint mir bei näherer Betrachtung und nach ausgiebiger Recherche doch recht brutal. Letztere ist die äußere Wendung.

Die äußere Wendung

Nachdem mein Bauch ziemlich groß ist, ich laut Ultraschall ausreichend Fruchtwasser habe und der kleine Mann noch recht viel Platz hat, wurde mir die äußere Wendung als Möglichkeit angeboten. Diese wird in der 37. Schwangerschaftswoche durch eine Ärztin und eine Hebamme durchgeführt, wobei die Werte des Kindes mit Hilfe eines CTG jederzeit überwacht werden. Dabei wird zunächst ein Wehen hemmendes Mittel verabreicht und dann das Becken für ca. 20 Minuten hochgelagert. Danach wird versucht das Baby von außen und mit festem Griff im Mutterleib zu schieben und mit Druck zu einem Purzelbaum zu überreden. Doch hierbei gibt es einige mögliche Risiken, die es gilt abzuwägen und zu betrachten. Die äußere Wendung ist ein medizinischer Eingriff und kann Komplikationen wie eine vorzeitige Plazentaablösung, einen vorzeitigen Blasensprung, vorzeitige Wehen, vaginale Blutungen oder sogar einen Notkaiserschnitt nach sich ziehen. Die Wahrscheinlichkeiten für diese Komplikationen sind gering, aber es gibt sie. Zudem ist der Versuch der äußeren Wendung nicht immer erfolgreich. Ich habe bspw. recherchiert, dass nur jede zweite äußere Wendung letztlich zur Schädellage führt. Und dabei kann nicht garantiert werden, dass der kleine Bauchbewohner sich nicht doch noch einmal zurückdreht und wieder in Beckenendlage landet. Die mit dem Wendungsversuch einhergehenden Risiken und die doch geringe Aussicht auf Erfolg, waren letztendlich meine Gründe mich dagegen zu entscheiden. Ich wollte und konnte es einfach nicht riskieren, dass unser zweiter Sohn vier Wochen vor dem eigentlichen Termin auf die Welt gezwungen wird. Auch der mögliche Notkaiserschnitt hat mir Bauchschmerzen bereitet. Für uns war die äußere Wendung deshalb keine gute Option. Hier habe ich, wie so oft in meinem Leben, meinen Bauch und meinen Instinkt entscheiden lassen.

Die sanfte Wendung oder auch schüttle dein Becken Mama

Neben der äußeren Wendung gibt es auch andere und sanftere Möglichkeiten seinem Zögling auf die Sprünge zu helfen. Diese sind für das Kind unbedenklich, mit dem großen Bauch aber teilweise doch recht anstrengend. Aber natürlich gilt auch hier: Alles fürs Team. Eine davon ist die von mir häufig praktizierte Knie-Ellenbogen-Lage. Hierbei begebe ich mich morgens nach dem Schlafen, mittags und abends vor dem Schlafen für nahezu 15 Minuten in den Vierfüßlerstand und stütze den Oberkörper dabei auf den Unterarmen ab. Dabei sind meine Beine hüftbreit geöffnet und der Po bzw. das Becken ist der höchste Punkt. Nach ein paar Minuten fange ich immer und in Absprache mit meiner Hebamme an mein Becken langsam und für die restliche Zeit von links nach rechts zu schwenken. Eine gute Anleitung, inklusive Bilder, findest du hier. Ich fand es recht anstrengend diese Position so lange zu halten. Das zusätzliche Gewicht, erhebliche Rückenschmerzen und schmerzende Knie machen es einem dabei nicht so leicht. Manchmal musste ich also unterbrechen oder sogar abbrechen. Neben der Knie-Ellenbogen-Lage probiere ich auch regelmäßig die indische Brücke aus. Hierbei baue ich mir einen kleinen Berg aus festen und größeren Sofakissen, lege mich auf dem Rücken und platziere meinen Allerwertesten sowie meine Oberschenkel auf dem Kissenberg, während meine Beine hüftbreit und angewinkelt auf dem Boden stehen.  Auch hier ist das Becken hochgelagert, damit das Kind aus dem Becken rutschen, den Kopf auf die Brust nehmen und den erhofften Purzelbaum machen kann. Wie genau die indische Brücke aussieht, kannst du hier sehen. Die Empfehlung ist auch hier, das Ganze dreimal täglich für jeweils 15 Minuten zu praktizieren. Neben diesen beiden Möglichkeiten kann man laut meiner Hebamme auch Globulis (Pulsatilla C30, 1x 5 Stück) oder das Moxen (Erhitzen bestimmter Akupressurpunkte am kleinen Zeh durch Beifuß-Zigarren) ausprobieren. Zudem besteht sogar die Möglichkeit dem Baby den richtigen Weg durch Licht oder Klang zu weisen. So kann man bspw. eine Taschenlampe an den schwangeren Bauch halten und langsam von oben seitlich hinunter zum Becken bewegen. Das kann dafür sorgen, dass das Licht das Baby so neugierig macht, dass es ihm folgt und sich somit in die Schädellage begibt. Ähnlich verhält es sich mit dem Erzeugen bestimmter Klänge. Das Moxen sowie das Wegweisen durch Licht oder Geräusche kann übrigens mit der indischen Brücke kombiniert werden, um noch erfolgreicher zu sein. Und die letzte Möglichkeit ist das Zwiegespräch mit dem Baby und das positive Denken. Ich erzähle der Mini-Rakete bspw. sehr oft, dass er leider kein Taschengeld bekommen wird, wenn er sich nicht dreht. (Hier darf gerne ein Augenzwinkern mitgelesen werden.)

Unser Weg heißt Spontangeburt

Vor anderthalb Wochen waren wir erneut in der Schwangerenintensivberatung am Uniklinikum Leipzig, um dort über die bevorstehende Geburt zu sprechen. Ich hatte mich zuvor mit vielen Freundinnen ausgetauscht, um Rat gebeten und mich ausgiebig informiert. Zwei meiner Freundinnen waren sogar in derselben Situation wie ich und hatten sich aufgrund der Beckenendlagen ihrer Kinder sowie aus anderen Gründen, die ich sehr gut nachvollziehen kann, für einen geplanten Kaiserschnitt entschieden. Nach diesen Gesprächen und meiner Recherchen war ich soweit, dass auch ich die geplante Sectio in Betracht zog. Das allerdings änderte sich in dem anderthalbstündigen Gespräch mit zwei Ärztinnen aus der Uniklinik Leipzig. Als ich zu Beginn meines Aufklärungsgesprächs gefragt wurde, ob ich bereits wüsste, wie ich entbinden möchte, sagte ich prompt, dass ich einen geplanten Kaiserschnitt in Betracht zöge. Und natürlich erklärte ich meine Bedenken hinsichtlich der Möglichkeit einer Spontangeburt und meine Ängste, dass der kleinen Mini-Rakete unter der Geburt irgendein Leid passieren könnte. Daraufhin wurden dem Raketenpapa und mir beide Geburtswege ausgiebig erklärt. Beide Ärztinnen übten dabei keinen Druck auf uns aus, sondern sprachen ganz objektiv über Risiken, Vorzüge und Nachteile der beiden Geburtsmöglichkeiten. Und plötzlich merkte ich, wie ich meine Meinung änderte. Die Spontangeburt bei Beckenendlage sowie der Kaiserschnitt haben Vor- und Nachteile und natürlich auch Risiken. Wie ich erfahren habe, sind bei beiden Geburtswegen fast dieselben Risiken für das Kind gegeben. Im Grunde sind also beide Geburten keine einfachen und man hat schnell das Gefühl sich zwischen Pest und Cholera entscheiden zu müssen. Und nachdem ich genau diese Einsicht hatte, haben mich einige Argumente letztlich von der Spontangeburt überzeugt.

Meine Gründe für die Spontangeburt nach Beckenendlage

  1. Egal ob Kaiserschnitt oder Spontangeburt – beide Wege bürgen Risiken und keine der beiden Geburten ist leichter, als die andere.
  2. Ich habe bereits ein Kind spontan entbunden. Damit ist klar, dass mein Becken grundsätzlich für eine Spontangeburt geeignet ist und auch genügend Platz für eine Beckenendlagen-Geburt bietet. Außerdem wird vor der Geburt noch einmal abgeklärt, wie genau die Mini-Rakete liegt und ob eine Spontangeburt überhaupt möglich ist.
  3. In der Uniklinik Leipzig werden viele Beckenendlagen spontan entbunden. Dort gibt es also das entsprechende erfahrene Personal und genau dieses begleitet mich unter der Geburt die gesamte Zeit. Ich werde zu keinem Zeitpunkt der Geburt alleine gelassen und sobald es dem Ende zugeht, stehen neben der Ärztin und Hebamme auch ein Kinderarzt bzw. eine Kinderärztin bereit, um die Mini-Rakete untersuchen zu können.
  4. Unser Sohn wird über die gesamte Zeit der Geburt überwacht und sobald er auch nur erste Anzeichen von Stress zeigt oder ich mich unter der Geburt umentscheide, wird ein Kaiserschnitt vorgenommen. Es wird laut allen Ärzten des Uniklinikums, mit denen ich bisher gesprochen habe, nicht das geringste Risiko eingegangen. Das heißt: es gibt einen Plan B und damit immer auch eine weitere Option.
  5. Die Ärzte aus der Uniklinik Leipzig und auch die Hebammen, mit denen ich bisher sprach, haben einen wahnsinnig guten und kompetenten Eindruck auf mich gemacht. Ich konnte mir mit allen von ihnen den Weg der Spontangeburt vorstellen und habe aufgrund ihres Umgangs mit mir und mit dem Thema Beckenendlage Vertrauen zu ihnen gefasst. Und wer mich kennt weiß, dass mir das bei Ärzten normalerweise schwerfällt.
  6. Ich habe sehr viel Respekt vor einem Kaiserschnitt und dem Heilungsprozess danach.
  7. Nach all den Gesprächen, dem ständigen Abwägen und unermüdlichen sammeln von Informationen traue ich mir eine Geburt aus Beckenendlage tatsächlich zu. Laut einer Oberärztin des Uniklinikums Leipzig ist das das Allerwichtigste. Eine Frau, die sich diese besondere Form der Geburt zutraut, ist der Grundstein für eine solche Geburt. Ist dieses Selbstvertrauen nicht gegeben oder bestehen Zweifel, ist ein geplanter Kaiserschnitt laut ihr die bessere Option.

Vertrauen und Instinkt

Letztlich vertraue ich auch bei dieser Entscheidung meinem Instinkt und meinem Bauchgefühl. Ich vertraue meinem Körper und dem medizinischen Personal und ich weiß, dass auch dieser kleine Mann irgendwie zur Welt kommen wird. Immerhin müssen sie die Gebärmutter am Ende doch alle verlassen. Und wer weiß, vielleicht dreht er sich ja doch noch und die ganze Aufregung war vollkommen für umsonst. Ich habe erst kürzlich gelesen, dass manche Babys sich kurz vor dem geplanten Kaiserschnitt noch gedreht haben und dann auf doch recht unspektakuläre Weise zur Welt gebracht wurden. Vielleicht genießt die Mini-Rakete also auch nur die ganze Aufmerksamkeit und hat einen eigenen Plan. Ich drohe so lange weiterhin mit Taschengeldentzug.

Hast du vielleicht ähnliche Erfahrungen gemacht oder ein Kind nach Beckenendlage zur Welt gebracht? Wie waren deine Erfahrungen?
Eine blau-rote Rakete steigt nach rechts oben

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