Ich weiß gar nicht, ob ich das Geschlecht unseres zweiten Kindes hier schon kundgetan habe, als ich euch von meiner zweiten Schwangerschaft berichtet habe. So langsam beiße ich mir tatsächlich auf die Zunge, wenn ich gefragt werde, was wir denn dieses Mal bekommen. Mein Umfeld reagiert nämlich durchaus gemischt und wenig sensibel, wenn ich berichte, dass wir einen zweiten Jungen erwarten. Mich trifft das mittlerweile sehr, weil ich nicht erwartet habe, mein zweites Kind schon vor anderen schützen oder verteidigen zu müssen, wenn es sich noch unter meinem Herzen befindet.

Die Sehnsucht nach dem Wunschgeschlecht

Ich glaube insgeheim entwickeln die meisten Mütter und Väter spätestens in den ersten Schwangerschaftsmonaten eine Idee vom Wunschgeschlecht des Babys. Gerade wenn es sich um das zweite oder dritte Kind handelt, passiert das sicherlich häufiger. Immerhin hat man bereits ein kleines Wunder mit entsprechenden Geschlechts- und Charaktermerkmalen zur Welt gebracht. Da passiert es leicht, dass man es ganz großartig findet Jungen- oder Mädchen-Mama bzw.  -Papa zu sein und diese Reise ein weiteres Mal antreten möchte. Oder vielleicht möchte man hingegen wissen, wie es sich anfühlt Eltern eines andersgeschlechtlichen Kindes zu sein.

Manchmal entsteht in den Folgeschwangerschaften eine Sehnsucht und Neugier nach dem Unbekannten. Oft höre ich selbst Sätze wie „Wir hätten gerne auch noch ein Mädchen. Dann wäre es ein perfektes Pärchen.“ oder „Vielleicht klappt es ja dieses Mal mit einem Jungen.“. Auch bei mir hat sich neben dem hauptsächlichen Wunsch, dass es bitte, bitte gesund sei auch der Wunsch nach dem einem bestimmten Geschlecht entwickelt. Das passierte schon sehr früh und aus einem einzigen Grund: unserer kleinen Rakete. Dieser kleine Mensch hat mich nicht nur zur Mutter, sondern zur Jungen-Mutter durch und durch gemacht.

Das zweite Mal Jungen-Mama

Ich bin die, die abends im Bett kampelt, Wettrennen veranstaltet, auf Klettergerüste klettert, mittlerweile alle Baustellen- und Feuerwehrfahrzeuge im Schlaf benennen kann, Fußball spielt, Traktorbücher vorliest, tausende imaginäre Brände in unserer Wohnung löscht, herumtobt und erklärt, warum er in seiner Unterhose keine richtigen (Hühner-) Eier findet. (Immerhin sprach der Raketenpapa in diesem Kontext doch vor Kurzem von Eiern. Da kann man auch schon einmal verwirrt sein.)

Ich wusste schon sehr bald nachdem ich erfahren hatte, dass ich schwanger war, dass es mich unglaublich erfüllen würde noch einmal einen Jungen zur Welt zu bringen und mit ihm all die Dinge zu tun, die ich auch mit der kleinen Rakete gemacht habe und immer noch tue. Auch wenn das eine Trillion weitere Stunden hinter Bauzäunen und vor Baustellen bedeuten würde. Und genau deshalb war ich überglücklich, als sein Geschlecht während der Feindiagnostik enthüllt wurde. Wir würden also einen zweiten kleinen Rabauken und eine weitere Rakete bekommen. Hurra!

Falsches Mitleid

Doch schon kurz nach diesem Outing passierte es das erste Mal, dass ich die Frage nach dem Geschlecht beantwortete und zu hören bekam, dass ein Mädchen ja doch ein bisschen schöner gewesen wäre, oder? Und genau das habe ich mittlerweile so oft gehört, dass ich mich frage, warum Jungen einen so niedrigen Stellenwert haben. Neulich kam sogar eine Erzieherin aus dem Kindergarten der kleinen Rakete auf mich zu, erkundigte sich neugierig nach dem Geschlecht, warf mir dann einen mitleidigen Blick zu und merkte im selben Augenblick an: „Seien Sie nicht traurig. Vielleicht klappt es beim dritten Kind mit einem Mädchen.“

Ich bin, wie beschrieben, alles andere als traurig. Mittlerweile bin ich sauer. Ziemlich sauer. Ich möchte nicht wegen des Geschlechts meines Kindes bemitleidet werden. Denn dieses Mitleid haben weder er noch ich verdient. Es gibt nämlich keinen Grund dafür. Und ich finde, dass die Enttäuschung der Anderen ebenso fehl am Platz ist, wie das Fehlen ihres Fingerspitzengefühls. Was wäre denn gewesen, wenn ich mir sehnlichst ein Mädchen gewünscht hätte? In diesem Fall wäre mittlerweile so oft in dieser Wunde gebohrt worden, dass sie vielleicht nicht so leicht heilen würde.

Alles andere als cool

Inzwischen bleibe ich bei derartigen Kommentaren alles andere als cool. Sobald mir die Frage aller Fragen gestellt wird, erkläre ich in einem Atemzug, dass wir einen zweiten Jungen bekommen, wir uns einen zweiten Jungen gewünscht haben und sehr, sehr, sehr glücklich darüber sind, dass unser zweites Kind ebenfalls ein Y-Chromosom vorweisen kann. Und wenn das die/dem Fragende/n nicht von einem noch so gut gemeinten, aber unsensiblen Kommentar abhält, erledigen meine Hormone den Rest. Von denen habe ich gerade glücklicherweise einen leichten Überschuss.

Ich werde mich nicht für das Geschlecht meines Babys entschuldigen und schütze ihn schon jetzt als die Löwenmutter, die ich nun einmal bin. Und sollten wir irgendwann ein drittes Kind bekommen, werde ich mir wünschen, dass es wieder ein Junge wird. Dann kann ich nämlich all die schlagfertigen Antworten geben, die mir momentan oft erst im Nachhinein einfallen.

Wie war das denn bei euch? Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Und wie seid ihr damit umgegangen?

Eine blau-rote Rakete steigt nach rechts oben

ABONNIER MICH! :)

Du bekommst automatisch bei jedem neuen Blogpost eine E-Mail.

Vielen Dank für deine Anmeldung! Jetzt findest du eine E-Mail in deinem Postfach. Klick einfach auf den Button, um deine Anmeldung abzuschließen.