Erst kürzlich habe ich auf Instagram das Bild einer Mama gesehen, die ihrem Kind einen dicken Kuss auf den Mund gegeben hat. Und als ich so durch die Kommentare unter dem Bild scrollte, zuckte ich gleich mehrfach zusammen. Da waren neben wohlwollenden Kommentaren und den üblichen Herzchen viele Worte wie „ekelhaft“, „unnatürlich“, „zum Kotzen“ und „falsch“ zu lesen. (Und das waren noch die netteren Varianten.)

Das manche Mütter durch ihre verschiedenen Social-Media-Accounts trollen, um es anderen Mamas mal ordentlich zu zeigen, ist nichts Neues. Dass das eigene Kind zu küssen allerdings ekelhaft und unnatürlich sein sollte, war mir gänzlich neu. Und so begann ich mir meine Gedanken darüber zu machen.

Die Beckhams im Auge des Shitstorms

Wenn ich mich richtig erinnere standen vor gar nicht länger Zeit gleich beide Beckhams in der Kritik, als sie Fotos davon veröffentlichten, wie sie ihre Tochter auf den Mund küssten. Daraus wurde eine größere mediale Diskussion, in der zwei verschiedene Meinungen aufeinander trafen. Wie so oft gab es auch hier keine Grauzonen. Die Gegner des Küssens auf den Mund beriefen sich dabei oft auf die Aussagen der US-Kinderpsychologin Charlotte Reznick aus dem Jahr 2015. Diese riet Eltern dringend davon ab ihre Kinder auf den Mund zu küssen, weil diese das als sexuelle Handlung wahrnehmen könnten. Gerade im Alter von fünf und sechs Jahren erwacht laut Reznick das sexuelle Bewusstsein und deshalb könne das Küssen der Kinder auf den Mund in diesem Alter durchaus verwirrend und sogar stimulierend sein.

Nach der Veröffentlichung dieser Erklärungen durch Charlotte Reznick meldeten sich gleich mehrere andere Psychologen zu Wort, die ihr widersprachen, sofern die persönlichen Grenzen der Kinder gewahrt werden. Wenn Kinder also verbal oder nonverbal signalisieren, dass sie nicht geküsst werden wollen, gilt es das zu respektieren. Wenn sie jedoch Freude am Kuss – einem Zeichen vom Liebe, Geborgenheit und Nähe – haben und es gerne tun, ist es unbedenklich seine Kinder auf den Mund zu küssen. So also die Theorie.

Küssen erlaubt!

Wir küssen die kleine Rakete auf die Stirn, auf die Hände, auf den Scheitel, ins Gesicht und auf den Mund. Wir küssen auf blaue Flecke, imaginäre Kratzer und gar nicht selten kommt das Kussmonster vorbei und verteilt Pupsküsse auf den Kullerbauch.

Die kleine Rakete hat schon sehr früh begonnen mir nasse Knutscher ins Gesicht zu drücken. Seit ein paar Monaten und mit ca. 2,5 Jahren landeten immer mehr davon auf meinem Mund. Heute fordert er diese Küsse beispielsweise ein, wenn wir uns von ihm verabschieden. Ohne einen ordentlichen Knutscher auf die Lippen verlässt bei uns nämlich gefälligst kein Elternteil die heimischen vier Wände.

Für mich sind diese Küsse ein Zeichen meiner bedingungslosen Liebe und Zuneigung und kein sexueller Akt. Ich finde es durchaus befremdlich etwas so Reines, wie ein Symbol der Liebe einer Mutter oder eines Vaters zum eigenen Kind zu sexualisieren. Warum suchen wir das Haar in der Knutschmund-Suppe und finden negative Worte für Dinge, die unseren Kindern zeigen, was wir für sie empfinden? Ein Abschiedskuss auf die Lippen ist ebenso Teil unseres Abschiedsrituals, wie die Tatsache, dass ich ihm sage, dass ich ihn liebhabe, bevor ich mich von ihm verabschiede oder er abends einschläft.

So bin ich selbst auch aufgewachsen und ich küsse meine Mama übrigens auch heute noch auf den Mund, wenn wir uns sehen oder verabschieden.

Grenzen respektieren

Ich stimme allerdings zu, dass es sehr wichtig ist die Grenzen der Kinder zu respektieren. Ich habe die kleine Rakete zum Beispiel nie in eine Situation gezwungen, in der ich ihn geküsst habe, obwohl er mir deutlich gezeigt hat, dass er das nicht möchte. Ebenso habe ich ihn nie dazu gedrängt mir – ganz egal wohin – einen Kuss aufzudrücken. Unser Sohn hat genauso wie wir auch persönliche Grenzen, die wir schützen und respektieren.

Bei der kleinen Rakete bedeutet das beispielsweise, dass er uns zwar oft und ausgiebig abknutscht, bei anderen Familienmitgliedern da aber eher verhaltener ist. Seine Omas und Opas bekommen bei all der Freude über ihren Besuch und all der innigen Verbundenheit beispielsweise nur selten eine Umarmung und noch viel seltener einen Kuss. Und auch das ist vollkommen okay. Es ist sein Körper und ein Nein bedeutet auch hier Nein. Wir legen sehr viel Wert darauf, dass hier kein Druck ausgeübt wird und unsere Familien sehen das glücklicherweise zumeist ähnlich. Nähe kann meines Erachtens nie durch Zwang entstehen, sondern braucht Eigeninitiative und den Willen dazu, um überhaupt existieren zu können. Ein Drängen oder Manipulieren ist hier absolut fehl am Platz.

Sollte sich die Einstellung der kleinen Rakete zu Küssen, Kuscheln und Co irgendwann ändern, ist das vollkommen in Ordnung und wird natürlich von uns akzeptiert und respektiert.  Ich gehe heute davon aus, dass es allerspätestens in der Pubertät so weit sein und er neue persönliche Grenzen entwickeln wird. Und wenn nicht, bleibt es eben dabei. Er wird immer selbst entscheiden können, wie er dazu sowie zu allen anderen Dingen steht.

Schnelle Urteile und fiese Worte

In Zeiten von Social Media ist es oft einfach seine Meinung anonym, unzensiert und ungefiltert ins World Wide Web zu tippen. Vor allem Mütter und Väter sind oft Zielscheiben von hässlichen Worten, Besserwissereien, erhobenen Zeigefingern oder Häme. Das werde ich wohl nie verstehen. Ein elterlicher Kuss, ist ein Kuss, ist ein Kuss und sicherlich eines der letzten Dinge, die so sträflich verurteilt werden sollten. Und wer das anders sieht hat jedes Recht der Welt die Augen zu schließen und weiterzuscrollen.

Wie seht ihr das denn? Küsst ihr eure Kinder auf den Mund oder seid ihr da vollkommen anderer Meinung?

Eine blau-rote Rakete steigt nach rechts oben

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