Hier kommt gerade alles zusammen. Ich bin seit Wochen nicht ich selbst. Ich bin überarbeitet, ständig müde, kaputt, unglaublich vergesslich und am Ende meiner Kräfte. Und obendrein hat die Trotzphase der kleinen Rakete ein ganz neues und ungeahntes Hoch angenommen. Immer wieder ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass ich nicht mehr kann. Nicht nur meine Kraft hat ein Ende, sondern auch meine Geduld und ich frage mich, wie es eigentlich überhaupt weitergehen soll und wie lange diese fiese Phase jetzt noch anhält. Ich. Kann. Nicht. Mehr. Mama kann nicht mehr. Meine Kraftreserven sind aufgebraucht und die Mutter, die ich eigentlich sein möchte, winkt mir aus der Ferne zu.

 

Erschöpfung

Ich glaube, dass ich noch nie in meinem ganzen Leben so erschöpft war, wie ich es derzeitig bin. Die Nächte sind wieder sehr kurz, die kleine Rakete ist noch immer weit vom Durchschlafen entfernt und mein Kopf beginnt sich nachts immer wieder zu verselbstständigen. Dann liege ich wach, wälze Probleme und Gedanken und versuche mich mit mäßigem Erfolg zum Weiterschlafen zu bringen. Dann rast mein Herz und die Erinnerungen wirbeln durch unser Schlafzimmer.

Sobald ich momentan kurz irgendwo sitze oder liege und einen klitzekleinen Moment Ruhe habe, schlafe ich umgehend ein. Kürzlich habe ich die kleine Rakete sogar zum allerersten Mal in seinem Leben vor meinen Laptop gesetzt und ihn quasi mit Feuerwehrmann Sam ruhiggestellt. Ich hätte nie gedacht, dass ich das jemals tun würde, weil ich das grundsätzlich ablehne und Fernsehen bei uns normalerweise keine große Rolle spielt. Allerdings blieb mir gar keine andere Wahl. Ich war so unendlich erschöpft, dass ich kein weiteres „Warum?“ beantworten und nicht eine einzige Diskussion mehr führen wollte. Ich habe mich nach einem Moment der Ruhe gesehnt und ihn dringend gebraucht. Ich bin an diesem Tag noch während des Vorspanns der halbstündigen Folge eingeschlafen. So konnte ich das letzte bisschen Kraft zusammenkratzen, dass ich für die mindestens zwei zu erwartenden Wutanfälle des Abends gebraucht habe.

Verständnis ist der Schlüssel

Die Trotzphase der kleinen Rakete hat kurz vor dem zweiten Lebensjahr begonnen und war seither eine intensive Angelegenheit für alle von uns. Ich erinnere mich noch gut an einen halbstündigen Wutanfall der kleinen Rakete, bei dem ich irgendwann weinend und ängstlich neben ihm saß. Ich hatte ihn noch nie so gesehen. Er hat sich damals schreiend und kreischend auf den Boden geworfen, um sich getreten und war einfach nicht bei sich. Seine Emotionen haben ihn überrannt und das war so offensichtlich, dass es mich total erschreckt hat.

Kurz danach bin ich auf das Buch Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn* gestoßen. Ich habe es an einem Tag gelesen und es hat uns zunächst sehr geholfen. Einerseits hat es uns sehr deutlich gezeigt, dass wir zu viel von der kleinen Rakete erwarten. Kognitiv war und ist er aber noch gar nicht so weit diese Erwartungen überhaupt erfüllen zu können. Und andererseits ist dieses Buch sehr praxisnah. Also habe ich einige dort beschriebene Strategien getestet, Hinweise befolgt und (zunächst) einen guten Weg für uns durch diese Phase gefunden.

Wir haben gelernt, wie wir ihn aus solchen Wut-Situationen herausholen können und eigene Strategien entwickelt. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich aufgrund meines neuen Wissensschatzes viel weniger überfordert und viel geduldiger war und begegnete ihm fast immer mit Ruhe und Besonnenheit. Und am Ende haben wir immer viel und ausgiebig gekuschelt. Ich war jedes einzelne Mal unglaublich stolz darauf, dass ich ihn auffangen und dass ich ruhigbleiben und meine eigenen Gefühle hintenanstellen konnte. Ein wütendes, schreiendes Kleinkind schafft nämlich durchaus eine ganz besondere Stresssituation für seine Eltern.

Wut, Wut und nochmals Wut

Seit drei Wochen hat die Trotzphase der kleinen Rakete allerdings eine völlig neue Qualität bekommen. Er hat seinen ersten Wutanfall nicht selten morgens direkt nach dem Aufstehen, den letzten vor dem Schlafengehen und manchmal wütet er sogar nachts. Die Gründe hierfür sind übrigens vielfältig: Mal steht der falsche Becher auf dem Tisch, mal fällt der kleinen Rakete im Nachhinein ein, dass er irgendetwas lieber anders gehabt hätte, und oft möchte er einfach nicht die Zähne putzen. Zahnteufelchen hin oder her. Insgesamt sind seine Wutanfälle momentan allesamt wahnsinnig intensiv und kosten uns alle unsere Kräfte. Unser Schlafmangel und der Stress tun ihr Übriges dazu.

Seit knapp einer Woche sind auch meine Geduldreserven aufgebraucht. Ich bin gerade einfach nicht mehr fähig mich hintenanzustellen und ihm immer mit der nötigen Ruhe zu begegnen. Sobald die Wut bei ihm ausbricht und ihn übermannt, merke ich, wie sie es auch bei mir tut. Dann muss ich mich mit aller Kraft zurückhalten, um nicht auch sofort ebenfalls zu schreien. Und das gelingt mir längst nicht mehr immer. Mein Akku ist leer und der Geduldsfaden längst gerissen. In der letzten Zeit gab es einfach zu viel von allem und auch zu viel Wut innerhalb unserer vier Wände.

Mama kann nicht mehr

Kürzlich mussten wir wieder ein sehr lautes und langwieriges Zähneputzen durchstehen. Die liebe Autonomiephase hat ihre Krallen gezeigt und mich erneut hart erwischt. Und da saß ich also neben der kleinen Rakete, legte den Kopf in meine Hände und sagte zu ihm: „Rakete, ich kann nicht mehr. Mama kann nicht mehr.“ Daraufhin legte er seinen viel süßeren Kopf schief, schaute mich mit seinen großen grünblauen Augen mitsamt diesen unglaublich langen Wimpern nachdenklich an und sagte: „Doch Mama, du kannst.“

Das hat mich in diesem Moment sprachlos gemacht. Denn natürlich hatte er vollkommen recht. Na klar schaffe ich das! Wenn ich eines gelernt habe, seit ich Mutter bin, dann ist es, dass Eltern übermenschliche Kräfte entwickeln können, wenn sie es müssen. Nicht selten ackere ich mich mit weniger als fünf bis sechs Stunden Schlaf im Gepäck durch meinen Arbeitstag, wobei sich diese mickrige Stundenanzahl maßgeblich dadurch auszeichnet, dass sie öfter durch ein weinendes Kind unterbrochen wird. Und trotzdem leiste ich in meinem Beruf meinen Beitrag, lösche abends fiktive Brände im Kinderzimmer und halte die Hand der kleinen Rakete, bis er loslassen kann oder eingeschlafen ist. Wir Eltern sind zu Dingen fähig, die ich niemals geglaubt hätte stemmen zu können. Aber da ist dieser eine und wichtigste Antrieb: die Liebe zu seinem Kind, die an keine Bedingungen geknüpft ist und alles, wirklich alles, möglich macht.

Eine schwierige aber wichtige Aufgabe

Die letzten drei Wochen waren hart und ich habe mich nicht selten weggewünscht. Ich krieche noch immer auf dem Zahnfleisch und sehne mich nach der Harmonie, die ich momentan gerade zu Hause nicht finden kann. Aber ich werde uns gemeinsam mit dem Raketenpapa dadurch manövrieren.

Ich weiß, dass die kleine Rakete am wenigsten Schuld an allem trägt. Kinder trotzen nicht, um uns Erwachsene zu ärgern. Die Trotzphase ist wichtig für ihre Entwicklung und unser Umgang damit ist es auch. Die kleine Rakete ist seinen Emotionen oft ganz einfach ausgeliefert und es ist unsere Aufgabe als Eltern ihm dabei zu helfen und ihn liebevoll zu unterstützen. Manchmal ist das aber schwerer als sonst. Gerade wenn wir Eltern aufgrund von Erschöpfung oder Stress selbst keinen guten Tag erwischt haben, kann so ein Wutanfall eine ordentliche Probe für unsere Geduld sein. Dann zähle ich innerlich schon auch mal bis mindestens 30 oder flüchte in ein anderes Zimmer, um in ein Kissen zu schreien. Und manchmal werde ich laut und gebe meinem schlechten Gewissen für eine sehr lange Zeit Futter.

Abstand hilft

Vor allem in Zeiten wie diesen ist es überaus wichtig den (Gedulds-)Akku wieder aufzutanken und ab und zu Abstand zu gewinnen. Ich stelle es mir so vor, dass jeder Mensch einen imaginären Geduldsrucksack mit sich herumschleppt. Dieser füllt sich mit jedem schönen Moment und verliert seine Reserven in anstrengenden und fordernden Situationen. Und eins kann ich euch sagen, im Alltag ist es manchmal ganz schön schwierig ihn zu füllen. Da warten nämlich meistens auch schon der Haushalt, die Wäsche und all die kleinen und großen organisatorischen Aufgaben. Und plötzlich ist eine Woche oder ein ganzer Monat vergangen und der Rucksack ist leer.

Also habe ich begonnen mich ganz bewusst mit Freunden zu treffen, zum Pilates zu gehen und mir Situationen zu schaffen, die mich glücklich machen. Das ist nicht immer leicht, aber wenn diese Termine in einem Kalender stehen, sind sie irgendwie verbindlich und ich habe sie vor Augen und etwas worauf ich mich freuen kann. Nur so kann ich der Frustration etwas entgegensetzen und zu meinem geduldigeren Ich zurückfinden. Genau das ist gerade jetzt so wichtig. Ich will nicht die sein, die schreit, sondern die, die sich hinkniet, die Arme ausbreitet und ihren kleinen wütenden Sohn mit all ihrer Liebe darin einschließt und so lange hält, bis das letzte Schluchzen verklungen ist.

Die Eltern unter euch wissen bestimmt, dass alles eine Phase ist, wenn es mit Kindern und Kindererziehung zu tun hat. Diese hier ist besonders anstrengend, aber eben doch nur eine Phase. Bisher haben wir sie alle überstanden und bis heute hatten sie alle ein Ende. Dieses Mal werde ich das Ende allerdings gebührend feiern. So lange höre ich “Das gewünschteste Wunschkind treibt mich in den Wahnsinn” nun auf der Suche nach der richtigen Inspiration jeden Morgen als Hörbuch auf dem Weg ins Büro.

 

 

 

 

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Eine blau-rote Rakete steigt nach rechts oben

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