Werbung | „Ich. Hasse. Diese. Verdammten. Silikondinger!“, schreie ich und werfe das Stillhütchen genervt an die Wand. Es landet genau neben dem, das wenige Minuten zuvor dasselbe Schicksal ereilte. Ich weiß, ich weiß, man sollte den Stillhütchen huldigen und ihre Erfinder auf Podeste stellen, weil sie Frauen wie mir das Stillen überhaupt erst ermöglichen. Aber das Konzept Stillhütchen hat durchaus Schwachstellen. Und natürlich offenbaren sich mir fast jeden Tag alle davon.

Stur, sturer, Stillhütchen

Unsere Stillgeschichte ist lang und war vor vier Jahren durchaus schmerzhaft. Dieses Mal habe ich das große Glück keine nennenswerten Beschwerden zu haben. Die kleine Rakete hatte meine Brustwarzen damals so ausgiebig malträtiert, dass diese durchaus Leid gewöhnt sind. Nur gewachsen sind sie in den letzten Jahren nicht. Sie waren und bleiben zu klein, zu flach und zu wenig geeignet, um damit problemlos zu stillen. Das fand zumindest auch die Minirakete und so habe ich nach seiner Geburt zwar darum gekämpft ohne Stillhütchen stillen zu können, den Kampf aber verloren. Als er unterzuckerte und zugefüttert werden musste, entschied ich mich dafür es ihm leichter zu machen und ein Stillhütchen auszuprobieren. Und voilà, schon floss das Kolostrum in Strömen in die kleine Zuckerschnute.

Ich erinnerte mich in diesem Moment noch gut daran, dass ich es damals bei der kleinen Rakete furchtbar fand mit diesen Silikonhütchen zu stillen. Und gerade deshalb und in dem Bewusstsein gerne auch mal stur sein zu können, sagte ich mir selbst, dass wir gemeinsam wieder von den Stillhütchen wegkommen werden. Wir würden üben und ich würde geduldig beistehen, wenn die Minirakete mehrere Anläufe brauchen würde, um ohne Contact-Brusthütchen zu trinken. Mein Plan war glasklar, nur hatte ich die Rechnung nicht mit dem nicht weniger sturen Baby gemacht. Sobald ich das Stillhütchen wegzog oder ihn versuchte ohne anzulegen, schrie unser Baby sich die kleinen Lungen wund. Und das tat und tut er dann so ausgiebig und lange, bis der verdammte Silikonnippel wieder am richtigen Platz sitzt.

Stillen mit Stillhütchen ist aufwendig(er)

Ich habe natürlich meine Hebamme konsultiert und ewig recherchiert, damit mir ja auch keine einzige Methode verwehrt bleibt, die bei anderen Stillenden zum Erfolg führte. Ich wollte um jeden Preis davon wegkommen mit den Silikonnippeln zu stillen. Und meine Güte haben wir ausprobiert, versucht und getestet, nur um immer wieder aufzugeben. Mittlerweile habe ich mich mit diesem Schicksal abgefunden. Die Stillhütchen haben mich bei unserem ersten Sohn 8,5 Monate begleitet und werden mich sehr wahrscheinlich bis zur letzten Stillmalzeit begleiten. Aber ich hasse es und werde das bis zu eben dieser letzten Stillrunde tun.

Woher diese Abneigung stammt? Erstens ist es aufwendig damit zu stillen: Während andere Mütter die hungrigen Münder einfach nur an ihre Brust andocken müssen, bete ich jedes Mal, dass ich überhaupt daran gedacht habe die Brusthütchen einzupacken und krame hektisch nach der gelben Schachtel, die sie beherbergt. Und nachdem die Minirakete satt ist, heißt es sich der Reinigung zu widmen. Ich reinige die Stillhütchen nach jedem Stillen mit Wasser und einem geeigneten Spül-Reiniger. Später werden sie im Dampfsteri desinfiziert. Gleichermaßen verfahre ich mit den quietschgelben Aufbewahrungsboxen. Nach dem Reinigen und Desinfizieren platziere ich alles auf einem geeigneten Gestell, damit alles trocknen kann. Und das ist meistens abends meine letzte Aufgabe, bevor ich meinen müden Kopf neben denen meiner Jungs platzieren kann. Freude kommt da also nicht wirklich auf.

Diskretes Stillen mit Stillhütchen? (Fast) unmöglich!

Wer mit Stillhütchen diskret Stillen möchte, stößt schnell an seine Grenzen. Während andere Mütter ihr Stilloberteil eine Millisekunde lüften, bevor der Kindskopf den Blick auf die Brust verdeckt, habe ich da schon mehr Probleme. Erst kürzlich waren die Minirakete und ich mit meinem Mann, seinem Chef und dessen Frau essen. Natürlich wurde unser Sohn just in dem Moment hungrig, in dem mein Teller vor mir stand. Grundsätzlich wäre es mir sehr recht gewesen, wenn sein Chef nicht allzu lange in der ersten Reihe mit Blick auf meine pralle Stillbrust gesessen hätte. Aber man bekommt ja nicht immer was man will.

Während der Raketenpapa die Minirakete hielt, justierte ich das Stillhütchen unter meinem Still-Top. Mein Plan war es mir das Kind zu schnappen, ein Spucktuch über den zu entblößenden Bereich zu legen, das Tuch wegzuziehen und das Kind blitzschnell anzudocken. Passiert ist Folgendes: Mein Goldschatz von einem Kind griff direkt nach dem Tuch, zog es mitsamt des Brusthütchens weg und wand sich schreiend, sodass nicht nur der Chef meines Mannes, sondern auch alle anderen Restaurantbesucher einen Eindruck vom prallen Zustand meiner Brust erhielten. Das Silikonhütchen landete derweil auf dem Restaurantboden.

Glücklicherweise hatte ich dieses Mal zwei dieser Contact-Brusthütchen mit und versuchte es ein zweites Mal, ohne auch nur einen weiteren Gedanken an Diskretion zu verschwenden. So klappte es besser und der hungrige kleine Mund fand sein Ziel recht schnell. Heute weiß ich, dass ein Stilltuch in solchen Fällen Gold wert ist und einen Raum schafft, in dem ich diskret stillen kann. Meines habe ich von der lieben Shirley von Yumakids zum Testen geschickt bekommen und kann es nur weiterempfehlen. Es dauert nur wenige Sekunden es anzulegen, über den Oberkörper zu streifen und das Kind darunter anzulegen. Das nächste Essen mit Chefs oder Kollegen kann also kommen. Jetzt habe ich meinen kleinen, persönlichen Stillraum nämlich immer dabei.

Training an der Milchbar

Selbst wenn der größere Aufwand und die ungewollte Freizügigkeit nicht wären, gäbe es immer noch eine andere Komponente, die dem Stillen mit Stillhütchen seinen Reiz nimmt und mich oft verzweifeln lässt. Dabei handelt es sich um Beweisstück B – unseren zweiten Sohn. Während andere Babys seelenruhig in den Armen ihrer Mütter liegen und das weiße Gold in ihre Mägen saugen, nutzt die Minirakete unsere Stilleinheiten gleichzeitig als Trainingseinheiten. Er findet das anscheinend effektiver. Ich finde es hingegen anstrengend.

Da wird nämlich mit den kleinen Speckarmen gerudert, alle zwanzig Sekunden zu einem doch ziemlich beeindruckenden Situp angesetzt, geschaut, ob auch immer noch zwei Füße vorhanden sind, oder die seitliche Bauchmuskulatur trainiert. Und immer – wirklich immer – verrutscht dabei das doofe Stillhütchen. Und immer – wirklich immer – landet die Milch überall, sodass ich meistens mich und oft auch ihn umziehen muss. Und obendrein verschluckt er sich sehr oft, weil sich die in den Stillhütchen angesammelte Milch dann nicht selten schwallweise in seinen Mund ergießt.

Neuerdings trainiert er nebenbei sogar den Pinzettengriff. Immer wenn die Milchbar (Ich) träumt oder kurz wegsieht, wandern seine kleinen Wurstfinger Richtung Brusthütchen. In anmutiger Art und Weise schiebt er dann den Daumen unter das Hütchen und den dicken Zeigefinger darauf, um kurze Zeit später beide zu schließen, das Hütchen blitzschnell wegzuziehen und sich einfach direkt so in den kleinen Zuckermund zu stopfen. Und ihr ahnt es schon: Die Milch läuft und spritzt unterdessen erneut überall hin.

Ein feierliches Ende

Stillen und ich werden in diesem Leben keine Freunde mehr und ich sehne den Tag herbei, an dem die Minirakete beschließt der Muttermilch gänzlich zu entsagen. Dann werde ich die Hütchen ein letztes Mal im Bett, unter der Couch und in etlichen Taschen und Rucksäcken zusammensuchen und sie feierlich in den Müll werfen. Wahrscheinlich feiere ich das Ganze mit einem Glas Prosecco und vielleicht* werde ich sogar einen kleinen Tanz aufführen. Doch bis es endlich soweit ist, beiße ich weiterhin die Zähne zusammen, atme ein und aus und kann mein Kind zum Glück fast natürlich ernähren. Ein bisschen huldige ich den Erfindern der ungeliebten Silikondinger also doch.  

*sehr wahrscheinlich

Eine blau-rote Rakete steigt nach rechts oben

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