Schon vor meiner Schwangerschaft wusste ich, dass ich nach einem Jahr wieder arbeiten und eine working Mom werden würde. Ich liebe meinen Job und arbeite wirklich gerne darin. Gestern habe ich allerdings etwas getan, das einige von euch vielleicht als verrückt, unverantwortlich oder impulsiv betrachten werden. Andere werden vielleicht verstehen können, warum ich diese Entscheidung getroffen habe. Gestern habe ich mich für immer getrennt.

Zu früh gefreut

Kurz nachdem wir nach Leipzig gezogen sind endete meine Elternzeit. Schon bevor ich überhaupt schwanger war wusste ich, dass ich nach der Elternzeit wieder arbeiten und eine working Mom sein möchte. Ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich mich gegen knapp 200 andere Bewerber durchgesetzt habe und einen vermeintlich richtig guten Job bekam. Seitdem die kleine Rakete auf der Welt ist, gibt es dafür andere Kriterien als früher. Sie heißen: Familienfreundlichkeit, die Möglichkeit auch im Homeoffice arbeiten zu können, flexible Arbeitszeiten, Urlaub an Schließtagen und natürlich auch ein Gehalt, das der eigentlichen Arbeit entspricht.

Dass die neue Stelle nur auf dem Papier wirklich gut war, erkannte ich bereits in meinen ersten Wochen in diesem Unternehmen. Meine Einarbeitung war ein Witz, dafür waren die Anforderungen jedoch extrem hoch. Außerdem erschrak mich die Art und Weise, wie dort mit Mitarbeitern und Dienstleistern umgegangen wurde. Mich betraf es zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich hatte noch Welpenschutz, fragte mich aber schon damals, wie lange dieser wohl anhalten würde. Tatsächlich verlor ich ihn recht schnell und sah mich immer wieder mit unfairen und respektlosen Situationen konfrontiert. Dennoch dachte ich stets, dass ich ja immerhin ein gutes Gehalt bekäme und mich schon irgendwie durchbeißen würde.  Dass dieses Gehalt im Endeffekt eine Art Schmerzensgeld werden würde, ahnte ich da noch nicht.

Auf der Suche nach Familienfreundlichkeit

In den Wochen vor unserem Urlaub spitzte sich die Situation stetig zu und wurde langsam untragbar. Ich sah mich immer öfter respektlosem Verhalten gegenüber. Zudem waren alle Zusagen, die ich im Einstellungsgespräch bekommen hatte nicht realisiert worden. Ich durfte weder zeitweise im Homeoffice arbeiten, noch hatte ich das Gefühl in einem familienfreundlichen Unternehmen zu arbeiten. So hatte ich beispielsweise zu jeder Zeit betont, dass ich meinen Sohn täglich pünktlich aus der Kita abholen muss. Dennoch wurden immer öfter nachmittags Aufgaben auf meinem Tisch platziert, die am nächsten Morgen fertiggestellt sein mussten. Ich könne ja nachts arbeiten, wenn mein Kind schläft, hieß es. Dass mein Chef selbst Vater zweier kleiner Kinder war, erschrak mich dabei besonders. Hätte nicht gerade er wissen müssen, wie ein Leben mit Beruf und Kind aussah?

Der Schlüsselmoment

Zwei Tage vor unserem Kreta-Urlaub eskalierte die Situation dann richtig. Mein Chef fand meine Zuarbeit zu einem bestimmten Thema schlecht. Das war sie im Grunde auch. Nur lag es daran, dass er mit keiner Silbe erwähnt hatte, dass er diese überhaupt brauchte. Also wurde er laut und ausfällig und ich fuhr weinend nach Hause. Ich versuchte mich auf dem Heimweg zusammenzureißen und alles vor der Wohnungstür abzuladen. Ich wollte stark sein für meinen Sohn und ihm nicht zeigen, dass mich etwas aufwühlt. Ihr könnt euch sicherlich denken, dass das nicht wirklich geklappt hat. Sobald die kleine Rakete freudestrahlend auf mich zu gerannt kam, brachen bei mir alle Dämme. Ich schluchzte und weinte und sah dabei in das Gesicht meines verwirrten Kindes. Genau diese Situation begann etwas in mir in Bewegung zu versetzen.

Die Reißleine

Gestern war mein erster Arbeitstag nach dem Urlaub. Sobald ich morgens das Büro betrat erfuhr ich, dass ich einen Termin bei meinem Chef hätte. In zwei Wochen wäre meine Probezeit vorbei und er fragte mich, ob ich mir eine Übernahme vorstellen könne. In diesem Moment war es, als hätte jemand die Welt angehalten. Mein Kopf begann sich mit meinem Bauch und Herzen zu streiten. Während der Kopf beharrlich darauf verwies, dass ich immerhin ein gutes Gehalt bekäme, reklamierten Bauch und Herz die Zustände, in denen ich arbeiten musste. Und dann sah ich das ratlose Gesicht der kleinen Rakete vor mir, der nicht verstehen oder gar einordnen kann, dass seine Mama in der Mitte des Zimmers sitzt und weint. Das gab letztlich den Ausschlag, dass ich meinem Vorgesetzten sagte, dass ich keinesfalls übernommen werden möchte. Ich habe klar und deutlich alle Gründe aufgezeigt und ihm gesagt, dass das der schlimmste Job ist, den ich jemals hatte. Damit habe ich die längst überfällige Reißleine gezogen und mich gegen schlaflose Nächte und Bauchmerzen auf dem Arbeitsweg entschieden. In der vergangenen Nacht habe ich zum ersten Mal seit langem durchgeschlafen.

Den Mut, auch unbequeme Dinge an- und auszusprechen habe ich erst, seitdem ich Mutter geworden bin. Seit der Geburt habe ich ein ganz anderes Selbstbewusstsein. Ich bin seitdem in solchen Situationen viel mutiger und offener und immer gerade heraus, Für alles andere fehlen mir die Zeit und die Nerven.

Teamwork

Natürlich war die Entscheidung nicht so leicht, wie sich das hier vielleicht liest. Ich habe seit Wochen dieselben Themen mit dem Raketenpapa gewälzt. Natürlich konnte er nicht gutheißen, unter welchen Bedingungen ich täglich zur Arbeit ging. Ich erinnere mich noch sehr genau daran, dass er mir schon sehr früh sagte, dass ich kündigen soll und mich dem nicht aussetzen muss. Damit nahm er mir den Druck und machte es mir viel leichter. Er hat all meine Existenzängste und Versagensängste zerstreut und mir klargemacht, dass dies keine Aufgabe, sondern eine mutige und richtige Entscheidung ist.

Als ich ihm gestern sagte, dass ich mich von diesem Job getrennt habe, hat er mir gesagt, dass er stolz auf mich sei und ich genau das Richtige getan habe. Dafür werde ich ihm immer dankbar sein. Das hat es mir nämlich so viel leichter gemacht es dem Rest meiner Familie zu sagen. Wie ihr euch sicherlich vorstellen könnt, fielen die Reaktionen unterschiedlich aus. Aber es war mir egal, weil ich wusste, dass mein Partner hinter mir steht. Zudem möchte ich meinem Sohn ein Vorbild sein. Ich möchte ihm beibringen, dass er seinem Herzen vertrauen soll und sich nicht durch irgendetwas durchbeißen muss, wenn es sein Glück bedroht. Ich bin die Einzige, die ihm eine glückliche und fröhliche Mama schenken kann. Nur eine glückliche Mama kann ihr Kind so glücklich machen, wie es das letztlich auch verdient. Das ist meine oberste Priorität und wird es immer bleiben.

Wie es jetzt beruflich weitergeht wird die Zeit zeigen. Vielleicht probiere ich eine völlig neue Branche aus oder mache mich sogar selbstständig? Schlimmer kann es nahezu nicht kommen. Also bin ich guter Hoffnung.

Wie geht ihr denn mit solchen Situationen im Beruf um? Hättet ihr euch weiter durchgebissen oder wärt ihr meinem Beispiel gefolgt?

Eine blau-rote Rakete steigt nach rechts oben

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